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„Casanova“ mit der Burghofbühne Dinslaken geht ziemlich daneben

Lieblose Rammeleien

HAMELN. Was Italiener im Vergleich zu uns – auch wenn das natürlich ein Klischee ist – so überlegen macht, wenn sie Frauen anbaggern: ihre Unbedingtheit. Für den Moment scheint nur sie zu existieren. Ausschließlich. Ein Erfolgsrezept – auch heute noch und zu Casanovas Zeiten in hoher Blüte.

veröffentlicht am 10.06.2018 um 16:47 Uhr

Casanova: Das Stück wird seinem Titelhelden nicht gerecht. Foto: Martin Büttner
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Autor

Richard Peter Reporter
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Dieser berühmte Sohn eines venezianischen Schauspieler-Pärchens: ein Monstrum in jeder Hinsicht. Hoch gebildet, Jurist, Philosoph und Glücksspieler – vor allem aber: Liebhaber und Genießer. Abenteurer, Kosmopolit und Libertin, dessen Lebensgier auf seine Umwelt unwiderstehlich ausstrahlte. Ein rundum Sinnlicher – und genau das fehlt der Inszenierung von Joachim von Burchard: Sinnlichkeit. Nicht einfach, so den Mythos Casanova aus heutiger Sicht auf der Bühne lebendig werden zu lassen. Und daran scheitert, weil es dem Regisseur und Autor der Bühnenfassung offenbar gar nicht um seine Titelfigur geht. Weil er gar nicht wissen will, wer dieser Casanova war, dem die Frauen nicht widerstehen konnten. So sehr seine Affären die „Geschichte seines Lebens“ auch prägen – er verkehrte auch mit allen Größen seiner Zeit von Voltaire über Rousseau bis zum „Alten Fritz“ und der russischen Zarin Katharina II.

Im „Casanova“ der Burghofbühne Dinslaken geht es fast ausschließlich um seine zahlreichen Liebesaffären. Die hier keine sind. Im Gegenteil: Lieblose Rammeleien, die auf der Bühne – in voller Montur natürlich – eigentlich immer nur peinlich und fragwürdig sind. Egal ob mit Cecile & Co. – unwillkürlich fragt man sich, warum um den ganzen Sex so ein Gedöns gemacht wird, wenn das dabei herauskommt.

1739 – da war Casanova gerade mal 14 Jahre alt – wird er von Bettina vernascht, zehn Jahre später trifft er in Cesena auf Henriette – aber überraschenderweise auch auf Edith Piafs „La vie en rose“. Vermutlich Zeitbezug oder was auch immer. Abgesehen davon: Es gibt auch einige gute Einfälle in dieser Inszenierung – auch die ganze Filmerei, die das Bühnengeschehen auf eine weitere Ebene stellt, reizvoll verdoppelt – auch das Kostüm- und Perücken-Lager an der imaginären Rampe des TAB (Theater auf der Bühne), auf das sich die fürs „Große Haus“ gedachte Show zurückziehen musste. Akzeptabel auch der nahtlose Rollentausch zwischen Markus Penne und Patric Welzbacher als Casanova und Moderatoren mit Mikro.

Beide allerdings keine Casanova-Figuren – und verräterisch teutonisch, wie er Henriette anbrüllt, unter Druck setzt. Das lässt sich anders darstellen: drängend, fiebernd, fordernd, verzweifelt – als Liebeserklärung. Nach dieser Szene konnte man den Herrn der Betten auch ins letzte Laken wickeln. Was bitte, wollte von Burchard nur mit dem Gerolle mit dem Kastraten Bellino darstellen – und wozu das Gehampel der Veitstänze bei der Begegnung 1761 mit Leonilda in Neapel. „Leo in love“ für sich genommen, eine tolle Nummer – nur nicht in diesem Stück. Und nur ein Jahr später mit Hedwig und Helene – er hat’s mit den Doppel-Buchstaben, da gibt es nämlich auch eine C.C. und eine M.M. – mit „Baby don’t hurt me“. Zeitbezug geht anders.

„Die Welt ist eine Hure“ – auch die Charpillon in London, die den Italiener gerne „Casi“ nennt und am Schwanz durch die Arena führt und konsequent auf das „Tier mit den zwei Rücken“ aus Shakespeares „Othello“ verzichtet. Abgesehen davon, dass in diesem durchaus engagierten Projekt so gut wie nichts zusammen passt – die drei Schauspielerinnen, Lara Christine Schmidt, Julia Sylvester und Teresa Zschernig in vielen unterschiedlichen Rollen, sind einfach klasse.

Schade, dass eine im Grunde gute Idee hier am Samstagabend so in’s Höschen gegangen ist, weil schon die Bühnenfassung nicht hält, was sie eigentlich wollte: den Mythos Casanova aus der Sicht des 21. Jahrhunderts vorzuführen. Und erst recht nicht die bildliche Umsetzung. Tröstlich: Der Mythos Casanova wird auch das unbeschadet überleben.



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