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Kammerchor wagt Brückenschlag

Licht und Musik

HANNOVER. Der Kammerchor wagt in der Clemens-Basilika den Brückenschlag zur Kunst – und im Kuppelsaal setzt man auf klassische Gesänge.

veröffentlicht am 10.04.2017 um 13:44 Uhr

Taras Lenko führte das Orchester souverän durch das Programm. Foto: Jan Philipp Eberstein

Autor:

Claus-Ulrich Heinke

Schauen oder Hören? Das war beim Konzert des Kammerchores Hannover in der St.-Clemens-Kirche die Frage. „Licht-Raum“ nennt der Chor sein musikalisch-visuelles Projekt, mit dem er eine neue Klang- und Raumerfahrung vermitteln möchte. So gab es nicht nur Motetten von Johann Sebastian Bach und Zeitgenössisches von Sven-David Sandström zu hören, sondern auch raumfüllende Lichtkunst von Cendra Polsner zu betrachten.

Die Künstlerin gestaltete live zur Musik mit fließenden Lichtskulpturen in wechselndem Farbspiel den hohen Altarraum über dem Chor. Das war ästhetisch schön – und zugleich ein Problem. Denn immer wieder zog das Optische die Aufmerksamkeit auf sich zulasten der Musik. Deswegen waren die zwei Phasen gut, in denen die Musik schwieg und man nur schauen konnte. In der Stille verband sich der innere Nachklang der Musik mit dem Lichtspiel und eröffnete meditative Momente.U

m der Leistung des Kammerchores gerecht zu werden, musste man das Optische vernachlässigen.

Und das lohnte sich. Denn unter Stephan Doormanns klarer und zugleich emotionaler Leitung gelangen die 2003 und 2007 von Sven-David Sandström komponierten anspruchsvollen Motetten überzeugend. Der schwedische Komponist vertonte dabei die gleichen Texte wie Bach in seinen Motetten.

Damit will Sandström deren Inhalt in die heutige Zeit heben. Das ist ein spannendes Experiment, das dem Chor musikalisch und stimmlich viel abverlangte.

Drei Originale von Bach nahm Doormann folgerichtig auch ins Programm: „Komm Jesu komm“, „Lobet den Herren, alle Heiden“ und „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“. Unterstützt wurde der wunderbar leicht singende Chor dabei vom Barockorchester La festa musicale. Von dem hörte man aber wegen ungünstiger Platzierung meistens nur die Bassgruppe im Raum.

Doormann orientiert sich an historischer Aufführungspraxis und findet einen überzeugenden persönlichen Stil für Dynamik und rhythmische Akzentierung.

Der Chor folgte ihm mit Präzision und Aufmerksamkeit und setzte auch Doormanns arg flottes Tempi präzise um. Am Schluss viel Beifall für Licht, Musik und den Mut zu neuen Wegen.

Information

Musikalisch hochwertige Präsentation

Rund 1800 Menschen kamen in den Kuppelsaal, als die K & K-Philharmonie zu ihrem Konzert „Die schönsten Opernchöre“ einlud. Was wie ein Event der massentauglichen Beliebigkeit aussehen mag, erwies sich im Vollzug als eine musikalisch hochwertige Präsentation. Das lag am ausgezeichneten Niveau dieses Privatorchesters: in allen Lagen warm und samtig klingende Streicher, runder Holzbläserklang mit auffällig guten Sololeistungen und ein Blechregister, das von strahlendem Forte bis zum weichen Piano alles kann. Auch der professionell besetzte Chor erwies sich als klangschönes Ensemble. Auswendig singend entsprach er den wechselnden Anforderungen von Mozart, Nicolai, Borodin, Verdi und Wagner. Natürlich waren Wunschkonzertlieblinge dabei wie der Gefangenenchor aus Verdis „Nabucco“ oder Wagners „Treulich geführt“. Aber auch das allzu Populäre kann musikalisch überzeugen, wenn es mit Respekt vor der Partitur gestaltet wird. Dafür sorgte vor allem Taras Lenko am Pult. Er führte das Orchester souverän durch das Programm. In der Kommunikation mit dem Chor kam seine Gestaltungskraft besonders schön zur Geltung. Und das orchestrale Vorspiel zu Wagners „Parsifal“ machte er zu einem künstlerischen Höhepunkt des Konzertes. Am Schluss folgte die großartige Musik des ukrainischen Nationalkomponisten Mykola Lysenko zur Oper „Taras Bulbas“ . Damit machten sich Chor und Orchester zum Anwalt dieses fast vergessenen spätromantischen Komponisten.

Zusamentreffen von Licht und Spiel in der St. Clemens Basilika mit dem Kammerchor Hannover, Barockorchester „la festa musicale“und Lichtkunst von Cendra Polsner. Foto: Samantha Franson
  • Zusamentreffen von Licht und Spiel in der St. Clemens Basilika mit dem Kammerchor Hannover, Barockorchester „la festa musicale“und Lichtkunst von Cendra Polsner. Foto: Samantha Franson
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