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Joja Wendt unterhält mit effektvollem Hochgeschwindigkeitsspiel und leisen Zwischentönen

Leistungsschau des Tastentricksers

HAMELN. „Klassische Pianisten tragen gern dick auf“, sagt Joja Wendt – er selbst bildet dabei keine Ausnahme. Der 52-Jährige verspricht in seinem Programm nicht weniger als „Die Kunst des Unmöglichen“. Klassische Musik will er mit Elementen anderer Musikrichtungen kreuzen.

veröffentlicht am 09.04.2017 um 17:46 Uhr

Neben dem virtuosen Klavierspiel beherrscht Joja Wendt auch den Dialog mit dem Publikum ausgezeichnet. Foto: MZ
Michael Zimmermann

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Der Virtuose ist für schnelle Finger und flotte Sprüche bekannt, und auch in Hameln gibt er Vollgas an den Tasten – ohne jedoch wirklich ins Schwitzen zu kommen. So spielt er den „Hummelflug“ von Rimski-Korsakow so schnell, dass der Flügel qualmt und auch die HD-Kamera, die Wendts Fingerspiel auf die Leinwand projiziert, nur noch verschwommene Bilder liefert. Dazu kündigt er an, mit der rechten Hand einen „hart gechillten Hip-Hop-Beat“ zu spielen. „Asturias“ des Spaniers Albeníz, eigentlich vierhändig zu spielen, bewältigt er alleine, mit Anklängen aus dem Heavy Metal.

Mit viel Witz stellt sich der Hamburger immer neuen Herausforderungen, versucht zum beispiel, einen Boogie Woogie zu spielen, der so klingt als würden vier Pianisten gleichzeitig improvisieren. Dabei zeigt er körperliche Höchstleistungen, die an einen sportlichen Wettkampf erinnern, seine beiden Hände wirken, als ob sie zwei verschiedenen Personen gehörten. In Jerry-Lee-Lewis-Manier spielt er Chuck Berrys „Johnny B. Goode“, sein Flügel wippt effektvoll dazu auf Hydraulikfüßen hin und her und verbeugt sich anschließend artig mit.

Solche Tricksereien wirken häufig wie Angeberei – und machen doch Spaß. Diejenigen, die meinen, ein Klavierkonzert sei langweilig und verstaubt, will Wendt vom Gegenteil überzeugen. Immer wieder widmet er sich unterhaltsam der Aktualisierung klassischer Werke. Griegs „Morgenstimmung“ bekommt einen neuen Anstrich, genauso wie Stücke von Chopin oder Bach. Gelegentlich driften die jazzigen Elemente allerdings ab in allzu gefällige Improvisationen, und bei dem hohen Tempo sitzt längst nicht jeder Ton. So auch im dritten Satz des „Sommers“ aus Vivaldis „Vier Jahreszeiten“: Dass Wendt ein ganzes Streichorchester mit zehn Fingern auf die Tasten bringen kann, beeindruckt, allerdings trifft er auch hier die eine oder andere Taste nicht sauber.

Trotzdem kommt Wendt beim Publikum an: Seine treuen Fans wissen, dass bei Joja-Wendt-Konzerten die Show genauso wichtig ist wie die Musik. Routiniert flirtet der Hamburger mit dem Publikum, lässt seine Zuhörer auf gestimmten Gläsern mitspielen und zu Fats Dominos „Blueberry Hill“ mitsingen. Das sorgt für Lacher und Szenenapplaus.

Beim „Regen-Song“ erzeugt der Saal mit Schnippen und Schenkelklatschen eine Stimmung, die an das graue, verregnete Hamburg erinnern soll. Ein leises, atmosphärisches Stück – und obwohl hier die Tempowechsel etwas holprig geraten, zeigt sich gerade bei den langsameren Stücken wie der Eigenkomposition „Das Universum“, wie vielseitig und virtuos Wendt sein kann: Feine Zwischentöne, sphärische Klänge auf abgedämpften Saiten, die sich dann in Leichtigkeit auflösen.

Und schließlich, getaucht in ein Sternenmeer, das sanft mit den Fäusten auf die Tasten geklopfte Eskimo-Wiegenlied. Während sich unter stehenden Ovationen des Publikums der Flügel langsam schließt, setzt Wendts Nasenspitze auf den letzten Tasten den Schlusspunkt unter das gut zweieinhalbstündige Konzert.

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