weather-image
16°

Das niedersächsische Label Bear Family erinnert jetzt in einer großartigen Serie, wie Country Rock entstand

Landlust

Die abfälligen Zwischenrufe, der Spott, die Feindseligkeit, die ihnen entgegenschlug, war abzusehen. Schließlich kollidierten am 15. März 1968 in Nashville zwei Welten. Die Byrds, vier langhaarige Rocktypen aus Kalifornien, traten in der „Grand Ole Opry“ auf – als erste Musiker mit Mähne. Die Radiosendung ist bis heute eine Country-Institution. Damals wurde sie jeden Sonnabend aus dem Ryman Auditorium, einer ehemaligen Kirche, gesendet. Es erklang eine Art „Wort zum Sonntag“ für die Country-Gemeinde.

veröffentlicht am 08.04.2015 um 17:45 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 08:38 Uhr

270_008_7702400_ku_101_0904_nashville.jpg

Autor:

Mathias Begalke
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Die Byrds waren sehr experimentierfreudig und gierig nach Veränderung. Sie waren zuvor maßgeblich daran beteiligt gewesen, Folk Rock und Psychedelic Rock zu erfinden. In Nashville stellten sie ihre neue Vision vor: Country Rock. Mit „Hickory Wind“ spielten sie in der Show einen Song von ihrem in der Music City aufgenommenen Album „Sweetheart of the Rodeo“. Das konservative Live-Publikum buhte. Die Zuhörer empfanden die Byrds als Provokation.

Country Rock war Gegenkultur. Wenn man die wohl erfolgreichsten Vertreter dieses Genres, die Eagles, und ihren sanften, schimmernden „Peaceful Easy Living“-Sound hört, ist das kaum vorstellbar. Die Eagles werden heute als „AOR“ eingeordnet, als Adult Oriented Rock. Erwachsenenzeug.

Doch am Anfang störten Rockbands wie die Byrds nicht nur den laufenden Betrieb in Nashville, sie stießen auch ihre eigenen Fans vor den Kopf, als sie mit Country eine Liebesbeziehung eingingen. In der Hippie-Welt wähnte man sich in der „Fifth Dimension“, so der Titel des dritten Byrds-Albums. Man war dabei, sich zu „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ von den Beatles zuzudröhnen, als man plötzlich ein Instrument vernahm, das eigentlich gar nicht in diesen Kosmos passte: eine Pedal-Steel-Gitarre, das typische Country-Instrument aus dem verachteten, als fortschrittsfeindlich empfundenen Nashville.

2 Bilder
Kein anderer prägte den Country Rock so wie Gram Parsons (li.) und die Band The Byrds (unten li.), bei der er Ende der 1960er Jahre Keyboard und Gitarre spielte und sang. Die Eagles (hier ein Bild von 1979) sind bis heute mit Country Rock erfolgreich. Bear Family/Archiv

„Ich denke, diese Musik war die direkte Folge von Psychedelic Rock, dieses chaotischen Krachs. Die Menschen wollten zurückkehren zur Unkompliziertheit, die Country repräsentierte. Drei-Akkord-Songs, Melodien und Geschichten“, sagt Byrds-Frontmann Roger McGuinn. Ein gutes Beispiel für den anstrengenden psychedelischen Sound lieferte Iron Butterfly aus San Diego mit dem Album „In-a-Gadda-da-Vida“ aus dem Jahr 1968. „Der Titelsong vereinnahmte eine komplette LP-Seite und war – ohne Drogen zu konsumieren – unhörbar“, schreibt der Musikjournalist Colin Escott im Begleitheft der neuen CD-Reihe „Truckers, Kickers, Cowboy Angels“.

Das niedersächsische Label Bear Family Records, Weltmarktführer in Sachen Wiederveröffentlichungen, erinnert mit einer siebenteiligen Serie daran, wie Country Rock entstanden ist. Die ersten beiden Teile sind bereits erschienen. Teil drei und vier über die Jahre 1970 und 1971 kommen morgen heraus. Bear-Family-Macher Richard Weize und sein Team zeigen sich erneut als leidenschaftliche, akribische Erinnerer, wie schon mit ihren hervorragenden Serien „Blowing the Fuse“ über den Rhythm and Blues ab Kriegsende bis 1960 und „Sweet Soul Music“ über die Zeit danach bis zur Disco-Ära. Man kann erahnen, wie viel Geduld und Hartnäckigkeit sie aufbringen mussten, um an alle Rechte und Bänder zu kommen. Viele wichtige Protagonisten wie The Band und Linda Ronstadt sind zu hören, aber auch heute weniger bekannte wie The Beau Brummels.

Bob Dylan ist auch dabei. Für die Aufnahmen dreier Alben – „Blonde on Blonde“ (1966), „John Wesley Harding“ (1967) und „Nashville Skyline“ (1969) – zog er nach Nashville um, um mit den dort lebenden Top-Studiomusikern zu arbeiten. Dylan war auf Inspirationssuche. Er sehnte sich in dem ganzen Getöse um seine Person nach Ruhe und Schlichtheit, als er „I’ll be your Baby Tonight“ sang, begleitet von Peter Drake an der Pedal-Steel-Guitar. Dylan gebe sein politisches Songwriting auf, um lieber mit Johnny Cash abzuhängen, lästerten nicht wenige. Sein Nashville-Flirt wurde als rebellisches Statement gewertet, genauso wie der Moment, in dem er nicht mehr der Barde einer ganzen Generation sein wollte und auf E-Gitarre umstieg.

Doch kein anderer prägte den Country Rock so wie Gram Parsons. Allein auf den ersten beiden „Truckers“-Samplern ist er mit zwölf Songs vertreten, aufgenommen mit drei Formationen, der International Submarine Band, den Byrds und den Flying Burrito Brothers. Parsons kiffte einst mit den Stones und zeigte Keith, wie man die „Wild Horses“-Gitarre spielt. Die Reihe der Musiker, die er beeinflusste, reicht bis ins Jetzt: 16 Horsepower, Steve Earle, Ryan Adams, Lucinda Williams, Calexico, Wilco, Kings of Leon. „Cosmic American Music“ nannte Parsons seine Fusion von Country und Rock. Heute werden Musiker, die sich mehr der Tradition verpflichtet fühlen als dem Kommerz, unter den Sammelbegriffen Alternative Country, Roots Rock oder Americana geführt.

Parsons war erst 26, als er 1973 an einer Überdosis in einem Motel in der Mojave-Wüste in Kalifornien starb. Die Country-Gemeinde hat sich inzwischen mit ihm angefreundet. In Nashville wird seiner zwar nicht in der Country Music Hall of Fame gedacht, aber im dazugehörenden Museum ist ihm zusammen mit seiner Duettpartnerin Emmylou Harris eine Vitrine gewidmet. Zu sehen sind die Westerngitarre und der weiße, mit bunten Pillen, roten Mohnblumen und grünen Marihuana-Blättern bestickte Cowboy-Dress des ersten Nashville-Hippies.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?