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Wie die Kunstikone mit 12 000 Fans aus Hannovers TUI-Arena eine Großraumdisco macht

Lady Gagas „Starlight Express“ mit Laufsteg

Hannover. Vielleicht hat sie die Augen einen Moment zu lange geschlossen. Vielleicht sitzt sie zu nah an den Fans. Vielleicht ist aber auch alles geplant, so, wie es ist. Lady Gaga kniet im knappen Body vorn am Bühnenrand. Einer ihrer stampfenden Dance-Songs ist gerade ausgeklungen. Rechts von ihr hockt ein Tänzer, links eine Tänzerin. Sie ist aus der Puste, atmet laut. Und als sie die Augen öffnet, macht ihr Hit-an-Hit-Programm zwangsläufig eine Pause. Es regnet Kuscheltiere in der Großraumdisco, die TUI-Arena heißt. Die Fans werfen Spielzeug, Briefe, T-Shirts und Stoffblumen auf die Sängerin. Mehr als 90 Minuten hat es gedauert, bis aus dem perfekt funktionierenden Popstar ein Mensch wird. „Das ist ein Jammer“, liest Gaga in stolperndem Deutsch aus einem offenbar von Fans präparierten Langenscheidt-Wörterbuch vor und lächelt. Ja, das ist ein Jammer! Plötzlich scheint etwas echt zu sein. Der Moment fällt aus der seltsamen Totalinszenierung heraus. Oder ist zumindest so inszeniert, dass er so scheint, als sei er nicht inszeniert. Das ist ja schon mal was.

veröffentlicht am 25.09.2012 um 18:41 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 19:41 Uhr

Autor:

Julia Marre
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In der nahezu ausverkauften Arena beginnt die von Gaga als „Electro-Metal-Pop-Oper“ bezeichnete Megashow in fünf Akten am Montagabend pünktlich. Eine Oper ist es nicht. Auch kein Metal. Dafür ohrenbetäubend lauter Dance-Pop mit einem Hauch Fashion-Week. Die Kostümbildner haben ganze Arbeit geleistet. Die Bühnendesigner auch.

Eine vierstöckige Burg thront auf dem Podium. Mit Treppen, Türmen, Dachterrasse – aufklappbar wie in Barbies kühnsten Träumen. Wenn die Türme zur Seite fahren, kommen Schlagzeuger, Keyboarder und Gitarristen zum Vorschein. Eine echte Band also. Dass der Leadgesang sicherheitshalber noch einmal vom Band kommt, ist kaum zu überhören. Wer so viel tanzt und stolziert und springt, kann stimmlich nicht immer alles geben. Doch Gagas Stimme leistet Beachtliches, gerade bei den wenigen ruhigen Songs im Programm.

Meist aber ist es laut. Burgfräulein Gaga regiert seine Gefolgschaft mitunter aggressiv. „Get up! Get up! This is no fucking funeral“, fordert sie forsch die „rich people“ auf, von ihren Sitzplätzen aufzustehen. Schließlich sei ihre Show dazu da, Spaß zu haben. Und wer keinen Spaß hat, habe eben Pech. Die Prinzessin hat gesprochen.

In ihrem Reich schwenkt die 26-Jährige Deutschlandfahnen, trägt einen Maschinengewehr-BH und auch mal ein fahrbares Kleid. Sie reitet auf einem Einhornroboter („Highway Unicorn“) über ihren Laufsteg. Liegt halbnackt auf einem ferngesteuerten Trike, auf dem sie auch noch Keyboard spielt. Und springt kopfüber in einen Fleischwolf, während im Hintergrund die künstlichen Schweinehälften schlenkern. Zu „Born this Way“ gibt Gaga die aus dem „Starlight Express“ entlaufene Lok. Zur Zugabe „The Edge of Glory“ steht sie wie Rapunzel auf dem Turm und lässt – nein, nicht ihr Haar – sondern lieber ihr Kleid herunter. Anzüglichkeiten und erotisches Ragout werden nicht nur im „Love Game“ angerichtet.

Zweieinhalb Stunden dauert dieses beweglich-grelle Wimmelbild, das mehr Show als Konzert ist. Ein künstlich durchchoreografiertes One-Woman-Musical, in dem sich die Hauptdarstellerin zu beinahe jedem Song umzieht. Ein bisschen Trash-Performance. Ein bisschen „Quatsch Comedy Club“. Ein bisschen Weltverbesserungs-Predigt. Ein bisschen „Let’s Dance“.

Mit acht Fans entschwindet die Skandalnudel des Pop schließlich per Hebebühne. Backstage möchte sie ein bisschen deutsch lernen. „Kleines Fräulein“ sagt sie schon wie eine Große, als sie eine Zehnjährige knuddelt. Aber bestimmt ist das auch wieder nur Show. Ein Jammer.

Hier hätte ein Foto von Lady Gaga gedruckt werden können. Doch die US-Sängerin hat bei ihrem Konzert in Hannover allen Pressefotografen verboten, Aufnahmen zu machen. Zwar hatte das Management von Lady Gaga der Presse Fotos zur Veröffentlichung angeboten. Diese waren allerdings bereits im August bei einem Konzert im bulgarischen Sofia entstanden. Alte Fotos einer anderen Veranstaltung als der im Text beschriebenen zu drucken, entspricht nicht der Journalismus-Definition dieser Zeitung. Die Redaktion hat sich daher entschieden, die für das Foto vorgesehene Fläche lieber weiß zu lassen.



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