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ku/Martin Heckmanns im Ballhof Hannover

Hannover. Ira will nicht mehr. „Es muss alles anders werden“, sagt sie und bricht aus. Sie verlässt ihre alleinerziehende Mutter, schmeißt ihren Hotline-Job hin und geht hinaus ins Freie. Sie sagt, sie wolle nicht etwas ändern, sondern alles. Das ist schwer. Aber man muss es versuchen. Es gehört zum Erwachsenwerden.

veröffentlicht am 10.12.2012 um 17:50 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 10:41 Uhr

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Autor:

Ronald Meyer-Arlt
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Martin Heckmanns’ Stück „Hier kommen wir nicht lebendig raus. Versuch einer Heldin“ ist ein Streifzug durch unsere Welt, eine kleine Odyssee durch Deutschland im 21. Jahrhundert – und ein Aufschrei. Ein Aufschrei, dass ein anderes Leben möglich sein müsste, dass die Welt doch aus den Angeln zu heben sei, dass es irgendwo Sinn geben müsste und Erfüllung und Ruhe. Es ist ein ziemlich starkes Stück.

Man könnte es natürlich auch ganz trutschig spielen, mit Wollpullovercharme und Internetseitenprojektionen auf der Bühnenrückwand; es kann leicht ökologisch korrekt, mädchenhaft und langweilig werden.

Oder man macht es so wie Regisseur Malte C. Lachmann. Der packt das Stück hart an, vertreibt (zusammen mit Bühnenbildner Stefan Britze und Kostümbildner Maria Anderski) jeden Jugendzimmermuff aus dem Stück, setzt den Figuren neonbunte Masken auf und lässt sie in einem knöcheltiefen Wasserbecken herumspritzen. Manchmal so sehr, dass die Zuschauer bis in die dritte Reihe mit Duschen rechnen müssen.

Berührend ist das Spiel auch auf andere Weise. Die Geschichte, die wie ein Stationendrama angelegt ist, hat etwas Mitreißendes. Man bleibt dran, weil man gern zuhört. Denn Heckmanns hat einen ganz eigenen Sprachklang; sein kapitalismuskritischer Diskurs aus Mädchenmund ist manchmal Predigt, oft auch Poesie. Der Autor (Jahrgang 1971) ist ein Meister der schönen Wendung. Das zeigen auch die pointierten Titel seiner anderen Stücke: „Schieß doch, Kaufhaus! (Uraufführung 2002), „Kränk“ (2004), „Das wundervolle Zwischending“ (2005), „Ein Teil der Gans“ (2007), „Zukunft für immer“ (2009) oder „Vater Mutter Geisterbahn“ (2011). Bei Heckmanns wird man sprachlich gut unterhalten.

Im kleinen Ballhof kommen erhebliche Schauwerte hinzu. Das Wassergeplansche wirkt nach kurzer Zeit nicht mehr angestrengt, sondern ganz normal – als schlüssiges Bild für fehlende Bodenhaftung. Dazu die grellen Masken, einige schöne musikalische Einlagen – das macht alles sehr viel Spaß. Die fünf Schauspieler (Juliane Fisch, Beatrice Frey, Jakob Benkhofer, Christoph Müller und Sebastian Schindegger) spielen immer mit einer mündigen Distanz gegenüber ihren Figuren. Das ist sehr klug und gibt der Sache den Charme eines Brechtschen Lehrstücks. Und mit Juliane Fisch im Zentrum des Spiels kann sowieso nichts schiefgehen. Sie spielt die junge Frau, die ihren Weg sucht, mit angenehmer Kühle. Was ganz gut zum Wasserbecken passt.

Die weiteren Termine: am 18., 20. und 28. Dezember im Ballhof 2, Knochenhauerstraße 28 in Hannover.

Großwerden im Planschbecken

Martin Heckmanns’ „Hier kommen wir nicht lebendig raus“ im Ballhof 2



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