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Drehbuchautorin Annette Hess über das Frauenbild einer unfreien Generation

Ku’damm 59 – „Eine verklemmte Zeit“

Mittwochabend läuft der dritte und – vorerst– letzte Teil des Dreiteilers „Ku'damm 59“ im ZDF. Bereits mit dem ersten Teil der Mini-Serie hat Drehbuchautorin Annette Hess, die in Dörpe lebt, ins Schwarze getroffen. Wie die Töchter in der Fortsetzung der Familiensaga gegen die Wirtschaftswunderspießigkeit rebellieren, ist zugleich rasant, lehrreich und ziemlich aktuell.

veröffentlicht am 20.03.2018 um 17:24 Uhr
aktualisiert am 20.03.2018 um 21:00 Uhr

Monika Schöllack (Sonja Gerhardt, l.) möchte, dass ihre Tochter Dorli (Alma und Smilla Löhr, r.) bei ihr lebt. Foto:ZDF und Stefan Erhard
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Wenn man den schmierigen Filmproduzenten Moser aus dem Film sieht, denkt man automatisch an Harvey Weinstein und die #metoo Debatte. War das Zufall?
Als Autorin verstehe ich mich als Seismograf für gesellschaftliche Entwicklungen. Zwischen der Idee zu einem Film und der Ausstrahlung liegen im Durchschnitt zwei bis drei Jahre Zeit, das heißt, ich muss früh erspüren, was für Themen in der Luft liegen. Dass wir unseren eigenen Weinstein im Film haben, zeigt, dass das Thema eben nicht der Vergangenheit angehört, sondern gegenwärtig ist.


Wie notwendig ist die Debatte?
Für mich ist Emanzipation in den letzten Jahren ein großes Anliegen geworden – was ich nie gedacht hätte, als ich vor 30 Jahren Abitur gemacht habe. Damals dachte ich, wir haben die Gleichberechtigung. Das war ein Trugschluss.


Das Frauenbild der 50er wirkt unendlich fern und zugleich ganz nah. Haben die Feministinnen nur an der Oberfläche gekratzt?
Mit „Ku’damm 59“ thematisieren wir die damalige Unterdrückung der Frau – verdichtet und unterhaltsam, aber deshalb nicht weniger bitter und wahr. Und wir werfen damit Fragen nach dem heutigen Stand der Emanzipation auf. Und der ist ernst: Es findet tatsächlich eine Regression statt. Man muss sich nur die aktuelle Zusammensetzung des Bundestages ansehen, die stagnierende Ungleichheit der Löhne, die Tatsache, dass immer noch nur 20 Prozent der Autoren und Regisseure in meiner Branche weiblich sind. Von 35 Tatorten im letzten Jahr wurden fünf von Frauen gemacht. Ich finde das skandalös.

Annette Hess
  • Annette Hess

Problem Nummer eins war: Wie finde ich einen ordentlichen Mann?

Annette Hess, Drehbuchautorin


Haben Sie für den Film viel mit Frauen, die in den 50ern jung waren, gesprochen?
Die Idee zu „Ku’damm 56“ vor fünf Jahren ist vor allem aus den Erzählungen meiner Mutter über ihre Jugendzeit in den 50er Jahren entstanden. Sie hat mir von ihren Nöten und denen ihrer Freundinnen erzählt. Problem Nummer eins war: Wie finde ich einen ordentlichen Mann?‘ Nummer zwei: Bloß nicht schwanger werden vor der Ehe! Außerdem habe ich meine Großeltern beobachtet, mich an meine Oma erinnert, die ein wenig Pate stand für die Figur der Caterina. Sie war eine begabte Frau, die sich nicht entfalten konnte. Das hat sie hart gemacht. Dann habe ich für die Drehbucharbeit wie immer sehr viel recherchiert, Bücher gelesen, DVDs geschaut, Musik gehört, um mich bestmöglich in die Zeit hineinzuversetzen.


Wie empfinden diese Frauen die Zeit im Nachhinein?
Die meisten erinnern sich an eine einengende, unfreie und vor allem auch verklemmte Zeit für junge Frauen, sie konnten sich erst später in den 70ern aus diesem Korsett befreien.


Besonders entsetzt hat mich die Szene, in der Monika Schöllack ihre uneheliche Tochter nicht behalten darf. Sind Sie bei der Recherche zum Film öfter auf Regeln und Gesetze gestoßen, bei denen Sie gedacht haben: „Kann doch nicht wahr sein...“
Da gibt es einiges: dass Homosexualität unter Strafe stand, dass Frauen nicht ohne Erlaubnis des Ehemannes arbeiten durften, dass Frauen kein Konto eröffnen durften, dass Vergewaltigung in der Ehe geduldet wurde usw. Frauen wurden allgemein wie unmündige Bürger behandelt.


Sie arbeiten eine Menge auf: das Frauenbild, alte NS-Seilschaften und die Weigerung der Menschen, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Hatten Sie Probleme, die Themen unterzubekommen?
Ich verwebe gern mehrere Themen, beziehe sie aufeinander und jongliere mit Figuren. Mir gefällt dabei das Wechselbad der Gefühle: In einem Moment lacht man, dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Ich möchte unterhaltsam erzählen. Und ich möchte auch, dass die Schauspieler glücklich sind, wenn sie ihre Rolle zum ersten Mal lesen: Super! Da habe ich was zu spielen! Außerdem ist diese hohe Erzähldichte ein Muss, wenn „Ku’damm 59“ auch für die internationale Vermarktung interessant sein soll.


Hätten Sie gern mehr als drei Teile gedreht?
Nein. Aber wir alle hätten die Filme gern in den Langversionen ausgestrahlt. Die ersten Schnittfassungen der einzelnen Teile waren jeweils zwei Stunden lang. Wir mussten viel kürzen, um in das Sendeschema zu passen. Da wird tatsächlich um Sekunden gekämpft.


Wird es in den 60ern am Ku‘damm weitergehen?
Wir warten jetzt die finalen Quoten ab. Aber natürlich hoffen wir alle auf ein Wiedersehen mit den Schöllacks.

Das Schicksal von Christiane und ihrer Clique hat mich nie losgelassen.

Annette Hess, Drehbuchautorin


Schauen Sie den Film mit der Familie?
Ja, wir sitzen hier alle nervös in großer Runde vor dem Fernseher. Meine Töchter und ich verfolgen dann gleichzeitig Twitter, Instagram und facebook. Ich mag es sehr, da direkte Reaktionen zu sehen. Das ist dann fast so, als führe man den Film im Kino vor. Dieser Kontakt zum Zuschauer ist mir sehr wichtig, denn für die Zuschauer machen wir das ja.


Wie reagieren die Töchter?
Meine Töchter mögen die Filme sehr. Erst mal ist jungen Leuten das Erzähltempo geläufig. Und sie werden von dieser besonderen Atmosphäre und Mischung aus Grauen und Befreiung angesprochen, denn im kleinen kennt das ja jeder auch heute.


Gibt es neben der Oma, die Vorbild für Caterina Schöllack war, noch mehr Figuren, die sich in Ihrer Familie finden?
Ja, einige. Zum Beispiel gab es einen entfernten Onkel, der homosexuell war. Auf Familienfeiern wirkte er immer so traurig und ich als Kind wusste nicht, warum.


Das nächste Projekt ist eine Serie, die auf dem Bestseller Christiane F. basiert. Was hat sie an dem Stoff gereizt?
Ich bin mit Christiane F., die nur wenige Jahre älter als ich ist, aufgewachsen. Sie lebte zwar in Berlin, ich auf dem niedersächsischen Land. Dennoch waren die Drogen in meiner Jugend ebenso präsent. Einer meiner damaligen Freunde ist im letzten Jahr an den Folgen seiner langjährigen Sucht verstorben. Das Schicksal von Christiane und ihrer Clique hat mich nie losgelassen. Das moderne serielle Erzählen bietet jetzt die Möglichkeit, Christianes Schicksal und das der anderen Kinder aus verschiedenen Perspektiven ohne Auslassungen in einer Serie abzubilden. Zu kaum einer Zeit war die Todessehnsucht der Jugendlichen so stark. „No future!“ war ihr prägender Ausdruck. Auf den ersten Blick steht das im Kontrast zu den Jugendlichen heute, die sich von der Gesellschaft vor allem zur Selbstoptimierung gezwungen sehen. Doch auch hier entwickeln sich wieder Extreme und Süchte. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ erzählt auch von einer Gesellschaft unter dem Eindruck drohenden Terrors. Parallelen zu heute sind offensichtlich. Und wie begegnet man der unbestimmten Angst? Man zieht sich zurück in den Rausch.


Ku‘damm 59, Mittwoch, 20.15 Uhr, ZDF

Interview:Dorothee Balzereit

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