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Das Wetter gestern war wie so oft von ihm beschrieben. Dünner Regen sprühte durch den grauen Himmel, der pfeifende Wind forderte das Hochziehen des Mantelkragens. An diesem unwirtlichen Tag, wie ihn der nördlichste Polizeiposten Deutschlands in Rugbüll oft erlebt haben könnte, ist dessen Erfinder gestorben: Siegfried Lenz, einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller der Nachkriegsliteratur, hat im Alter von 88 Jahren die Kraft verlassen.

veröffentlicht am 07.10.2014 um 17:55 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 15:41 Uhr

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Autor:

Mark Daniel
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Ein Stück Lenz wohnte immer in seinen Figuren, die manchmal konfliktscheu waren, in sich gekehrt, innere Erosion eher still erduldend. Trat er öffentlich auf, schien Lenz die von ihm verursachte Aufmerksamkeit beinahe unangenehm. Auf Fragen antwortete er präzise, mit Melancholie und sanftem Humor, durchaus gesprächig, aber niemals geschwätzig.

Der Mann, dessen Besonderheit das Unscheinbare war, kam am 17. März 1926 im ostpreußischen Lyck als Sohn eines Zollbeamten zur Welt. Als 17-jähriger Marinesoldat überlebte er einen Bombenhagel über der Ostsee. Er desertierte, nachdem ein anderer abtrünniger Soldat liquidiert worden war, weil die Nazis „einen Toten brauchten, um uns an ihre Macht zu erinnern“, wie er später sagte. Dem Unterschlupf in Dänemark folgte britische Kriegsgefangenschaft; nach vierjährigem Studium der Philosophie, Anglistik und Literaturwissenschaft arbeitete Lenz als Kulturredakteur der „Welt“ in Hamburg.

Schon in seinem schriftstellerischen Debüt 1951, „Es waren Habichte in der Luft“, griff er die eigene Erfahrung mit totalitärer Herrschaft auf. Unumwunden gab Lenz zu, begeisterter Hitlerjunge gewesen zu sein, bestritt allerdings den Eintritt als Jugendlicher in die NSDAP, als vor Jahren eine Mitgliedskarte gefunden wurde. Schuld empfand er darin, den Zweiten Weltkrieg überstanden zu haben, während andere in seiner unmittelbaren Nähe starben.

Das Werk, das mit dem Namen Lenz immer zuerst verbunden wird, heißt „Deutschstunde“ (1968). In diesem großen Buch um einen Vater-Sohn-Konflikt und die blinde Erfüllung von Pflicht in der Nazizeit hängt die Schwere wie eine dunkle Rugbüll-Wolke. Ebenso aber ist es ein Genuss, ein Fest, das Buch zu lesen: Wer die Kraft der Sprache liebt, badet in den Bildern von Lenz, seinen Formulierungen, Vergleichen, Ausschmückungen, seiner epischen List. Eine Kunst, die er natürlich nicht nur bei „Deutschstunde“ auf berückende Art anwendete. Immer drehte sich sein Schreiben um Verantwortung, Versagen, Schwäche. Sein Erzählton illustriert die Zerbrechlichkeit seiner Figuren und schont sie, die Außenseiter und Verlierer. Für sein Werk bekam er unter anderem den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und den Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck.

Im Alter veränderte sich sein Stil. Intensiv näherte er sich in „Schweigeminute“ (2008) dem Wachstum und dem traurigen Ende einer Liebe, verfasst mit großer, kitschfreier Zartheit. Der Ursprung dieser späten Novelle liegt im Verlust seiner Frau Lilo. Sie starb 2006, 57 Jahre lang war das Paar verheiratet. 2010 heiratete Lenz die Dänin Ulla Reimer.

Der Autor, in einer Reihe mit Günter Grass, Heinrich Böll und Martin Walser stehend, mischte sich wie diese auch unmittelbar politisch ein. Unter anderem begleitete der SPD-Stammwähler Kanzler Willy Brandt 1970 – zusammen mit Grass – zur Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages nach Warschau.

Erst vor zwei Monaten erschien das Buch „Schmidt – Lenz“ über die Freundschaft zwischen ihm und Altkanzler Helmut Schmidt. Heute, am Tag nach seinem Tod, erscheint eine Auswahl von Lenz’ wichtigsten Essays aus fünf Jahrzehnten als „Gelegenheit zum Staunen“.

In den letzten Jahren lebte Lenz in einer Seniorenresidenz an der Elbchaussee mit Blick auf den geliebten Strom. Gestern früh ist er im Kreis seiner Familie eingeschlafen. Bei einem hanseatischen Wetter, das niemand jemals fühlbarer beschreiben können wird als Siegfried Lenz.

Die Schwere

der Wolken Siegfried Lenz, einer der

bedeutendsten deutschsprachigen Nachkriegsschriftsteller, ist tot

Seine Besonderheit war das Unscheinbare: Der Schriftsteller Siegfried Lenz starb gestern im Kreise seiner Familie.dpa



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