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Hannover. Wann ist der Mann ein Mann? Und wann ist er ein verführerischer Verführer? Wenn er zum ungewaschenen Haar aufgeblähte Schlabberhosen und Adiletten trägt? Dann ist er ein Mann (und was für einer!). Doch vom Verführer ist er zumindest optisch weit entfernt. Ebenso jedoch lässt Sebastian Schug in seiner Inszenierung von Molières „Don Juan“ den Frauenheld auftreten: als unentschlossenen „Big Lebowski“, als lausigen Schlussmacher, nachlässigen Vielraucher und keineswegs souveränen Lover. Sein Don Juan (Aljoscha Stadelmann) ist ebenso wenig leichtfüßiger Verzauberer wie anbetungswürdiger Lebemann. Er ist ausgewachsener und erwachsener Obelix, der es statt auf Wildschweine auf die Weiber abgesehen hat. Immerhin das verbindet die Figur mit der, die Molière 1665 zum Titelheld seiner kämpferischen Komödie machte.

veröffentlicht am 10.01.2011 um 16:04 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 05:21 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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Das Stück, das zu Lebzeiten des französischen Dramatikers als zu radikal und unmoralisch verpönt war, bietet fraglos unendlich viele Ansätze. Regisseur Schug widmet sich mit Hingabe dem Verfall des tragischen Helden. Seine Inszenierung ist eine der vielen kleinen Schritte, die mit hervorragenden Regieeinfällen punktet: Erst singt die verlassene Donna Elvira den Rihanna-Eminem-Hit „Love the way you lie“. Dann kommt als Geldeintreiber Peter Zwegat aus der „Schuldenfalle“ aufs Beratungssofa. Ehe ein bombastisches Höhenfeuerwerk ohne große Höhe und mit nur wenig Feuer eine Art Hinweis auf pompös inszenierten Pop gibt. Wirklich großartig aber ist das, was Schug aus dem letzten Akt macht. Don Juan, dessen Selbstsucht und Ignoranz sich ins Unermessliche steigern, wird von all seinen Gefährten verlassen. Sie gehen von der Bühne ab, nehmen vor dem Publikum Platz. Und Don Juan? Er fällt aus dem Stück, beinahe sogar aus der Rolle. Alle übrigen Rollen übernimmt er auf einmal, spielt den Tod und den bald Toten zugleich. Tragikomisch, wie hier Selbstherrlichkeit und Scheitern auf surreale Art vorgeführt werden.

Es ist Philippe Goos, dem in der Premierenvorstellung am Samstag der meiste Applaus gebührt – zu Recht. Denn trotz albern-blonder David-Garrett-Perücke spielt er als Diener Sganarelle seinen Meister und auch die weiteren Charaktere in den Schatten. Aljoscha Stadelmann braucht als Don Juan nämlich eine (zu lange) Weile, um in Fahrt zu kommen. Sebastian Hülk überzeugt hingegen durch seine augenzwinkernde Vielfalt: überraschend als lebendiges Komtur-Standbild oder feminin als dem Macho verfallene Mathurine.

Der Mann, er war ein Mann. Und er war ein Verführer. In einem klassischen Beispiel für gewitztes, kluges und kreatives modernes Theater.

Die weiteren Termine: Im Schauspielhaus Hannover, Prinzenstraße 9, am 13., 20. und 23. Januar sowie am 1., 5. und 8. Februar jeweils um 19.30 Uhr.

Ein Spötter, der schließlich aus dem Schauspiel und sogar aus der Rolle fällt: Aljoscha Stadelmann verkörpert Don Juan in der Hannoverschen Inszeniertung . Foto: Katrin Ribbe



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