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Alles ist grau, voller Nebel. Fast unscheinbar thront hinter der trüben Suppe, die das, was mal farbig war, zu Farblosem degradiert, das Atomkraftwerk Brokdorf. Ein Containerschiff passiert die Elbe. Ein Strommast wartet auf einer Wiese. So leise beginnt „Das Ding am Deich“, Antje Huberts Dokumentation über den AKW-Widerstand in Schleswig-Holstein, die diese Woche in die Kinos kommt.

veröffentlicht am 23.08.2012 um 17:05 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 23:41 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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Und nicht nur der Film kommt in die Kinos. Auch die Filmemacherin, die Protagonisten und Aktivisten besuchen landauf, landab die Vorführungen, um eine Frage zu klären: Wie lebt es sich überhaupt neben einem Atomkraftwerk, gegen das man jahrzehntelang gekämpft hat? Das Maxx-Kino Hameln besuchen die Regisseurin, Anti-AKW-Aktivist Karsten Hinrichsen sowie Jochen Stay und Jürgen Fahrenkrug von der Gruppe „ausgestrahlt“ am Sonntag, 9. September. Ab dem 6. September ist die Doku im Kino am Bahnhofsplatz zu sehen.

„Das Ding am Deich“ ist ein ruhiger Film. Mit wenig Musik und viel Informationen. 1986, kurz nach dem atomaren Super-GAU von Tschernobyl, ging an der Elbe das AKW Brokdorf ans Netz. Turbulente Jahre, in denen sich die Bewohner der Gemeinde mit AKW-Gegnern aus ganz Deutschland gegen den Bau des Meilers zur Wehr gesetzt hatten, waren vorausgegangen. Von den Anfängen des AKW bis heute fasst die Regisseurin die Ereignisse zusammen. Etliche der Dorfbewohner und Zeitzeugen lässt sie dabei zu Wort kommen. Zuweilen sogar fast zu viele.

Schade, dass die Protagonisten, die sich seit 1976 gegen den Bau des Atomkraftwerks gewehrt hatten, vorwiegend als Chronisten fungieren. Die Küchen- und Esstischgespräche mit ihnen sind zwar aufschlussreich und informativ. Was durch das chronologische Aneinanderreihen jedoch kaum aufgebaut werden kann, ist Nähe zu den Aktivisten, ist Persönliches. Da wirkt ein Blättern im alten Fotoalbum schon Wunder. Denn anschaulich und spannend ist „Das Ding am Deich“ immer dann, wenn’s persönlich wird: Dass die Demonstranten aus ganz Deutschland kamen und sich im Haus von Renate und Uwe Bolten eine lange Schlange von der Terrasse bis zur Toilette gebildet hatte, ist solch eine schöne Anekdote. Ebenso sind es die vorgelesenen Briefe und Postkarten von ehemaligen Mitstreitern, die sich für den Becher Tee bei einer winterlichen Protestaktion bedanken. Sehr gelungen auch: mehrfach eingestreute Archivaufnahmen der Demonstrationen, historische Fernsehinterviews, Bürgermeisteransprachen und Versammlungen der Bürgerinitiativen – diese Damals-und-Heute-Vergleiche sind schön anzusehen. Sie zeigen: AKW-Widerstand ist eine Lebensaufgabe.

„Die Beharrlichkeit, mit der die Leute gegen das Atomkraftwerk gekämpft haben und zum Teil bis heute kämpfen, hat mich beeindruckt“, sagt auch Filmemacherin Hubert. Insofern verwundert es, dass sie wichtige Fragen unbeantwortet lässt. Wie es sich mit Blick aufs Atomkraftwerk lebt? „Wir haben eine Hecke gepflanzt“, sagt einer der Aktivisten und deutet in den Garten – doch während des winterlichen Filmdrehs sind die Äste kahl, ist der Blick aufs AKW freigegeben. So weit, so trostlos. Und wie haben sie schließlich die Inbetriebnahme, jenen Tag X, erlebt, gegen den sie jahrelang kämpften? Daran könne sie sich nicht mehr erinnern, entgegnet eine Aktivistin. Es ist eines der Zitate, auf die der Film besser verzichtet hätte.

Die Demonstranten seien „keine Verlierer“, betont die Regisseurin. „Ihr Widerstand ist ein ungeheurer Gewinn für die Umwelt und die Demokratie in Deutschland.“ Das klingt fast nach Bürgermeisterfloskel. Und dennoch: „Das Ding am Deich“ ist eine faktisch gelungene und solide Aufarbeitung eines wichtigen Kapitels der bundesdeutschen Geschichte, ein fraglos bedeutsamer Film. Doch was bei dem emotionalen Thema auf der Strecke bleibt, sind: Emotionen. Die beiden Szenen, in denen Barbara Metzlaff (Kamera) auf die Tränen weinender Protagonisten zoomt, erinnern eher an eine aufdringliche RTL-Reportage. Nicht an ein filmisches Denkmal.

Ab dem 6. September läuft „Das Ding am Deich“ im Maxx-Kino Hameln. Am 9. September um 12 Uhr ist die Regisseurin Antje Hubert zu Gast im Kino.

Ein leiser Film über lauten Protest

„Das Ding am Deich“ erzählt von der Anti-AKW-Bewegung in Brokdorf / Regisseurin in Hameln



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