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Hameln. „Ich bin völlig unspektakulär.“ Hätte diese Inszenierung eine Stimme und die nötige Selbstreflexion, so hätte sie ihrem Publikum diesen Satz gestanden. Denn genau das – völlig unspektakulär – ist, was das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel dem Hamelner Theaterpublikum am Montagabend zumutet. „Schwarze Jungfrauen“ von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel steht auf dem Spielplan. Ein Stück, das 100 Interviews mit in Deutschland geborenen Musliminnen zu fünf wuchtigen Monologen verdichtet. Natürlich sind die überspitzt dargestellt, dramaturgisch frisiert und bühnentauglich gekürzt. Und sie haben eine große Stärke: Sie sind authentisch. Wie sie aber diese Authentizität mit theatralen Mitteln einschläfert, das weiß diese Inszenierung von Christian Scholze.

veröffentlicht am 24.01.2012 um 15:32 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 19:21 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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Ratlos steht die kleine grüne Konifere auf der Bühne. Daneben ein Tuch. Davor ein Stuhl. Auf ihm sitzt eine der beiden Schauspielerinnen und erzählt. Hinter ihr sitzt die andere und gibt vor, zu nähen. Günfer Cölgecen und Charis Nass wechseln sich ab in der Rolle der Muslima. Diejenige, die gerade die Sprecherrolle übernimmt, wird von der anderen mit Kleidung ausgestattet: Fellweste, Gürtel, Bluse, Kopftuch und Kopftuch und Kopftuch finden die Darstellerinnen im Zuschauerraum. Das mag ein Indiz dafür sein, dass dieses auf realen Aussagen basierende Stück lebensnah sein soll. Und doch bewirkt das wiederkehrende Verkleidungsritual genau das Gegenteil.

Das Licht glimmt koniferengrün zum Zwischenspiel. Aus den Lautsprechern plörren Toncollagen von Klaus-Werner Wollnowski: Ein Hörspiel erzählt von der Reise zweier Ameisen, George Bush propagiert den Sieg gegen bin Laden, „Podolski“, schreit Fußballkommentator Bela Rethy. Musik erklingt. Ton und Bewegung ersterben, der grellweiße Spot geht an.

„Ich bin völlig unspektakulär.“ Das sagt eine der fünf Frauenfiguren. Charis Nass gibt die gemobbte Schülerin. Die Hände hat sie in den Schoß gelegt und flüstert. Vorher verkörperte sie die prüde Doppel-Moral-Apostelin, die für den Dschihad brennt. Später ist sie in der Rolle der zum Islam konvertierten Christin zu sehen. Günfer Cölgecen schlüpft in die provokanteren Rollen: als sexuelle Rebellin und Ausbrecherin, die es ins anonyme Berlin zieht; als „verschleierter Krüppel“, der mit dem sadistischen Pfleger verborgene Gelüste auslebt.

Oftmals vulgär und überdeutlich ist die Sprache, in der die Figuren ihren Sorgen, ihren Träumen und Zwängen Ausdruck verleihen. Die Verkleidungen, die sie dafür wieder und wieder anlegen, schmälern die Wucht. Ebenso wie ihre monotonen Bewegungen und die zusammenhanglosen Tonschnipsel es tun.

Was bleibt nach dem eindringlichen Spiel, ist Irritation. „Wir haben versucht, den Monologen einen Rahmen zu geben“, sagt Regisseur Christian Scholze im Nachgespräch mit dem Publikum. Gelungen ist das nicht. Denn seine Inszenierung ist nicht mutig genug, die muskulösen Texte für sich sprechen zu lassen. Und sie ist nicht kreativ genug, um die Interview-Essenzen in einen noch wirkungsvolleren Kontext einzubinden.



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