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Konzert in der ausverkauften Blues Garage

Kris Kristofferson - Stärker als der Teufel

ISERNHAGEN. Sicher, es gab Hank Williams. Aber Nashville hatte sich nicht beirren lassen und gefiel sich weiter als puritanisch-reine Hauptstadt der Countrymusik. Bis 1970 ein langhaariger, Alkohol und Drogen nicht abgeneigter Typ hereinplatzte und mit einem Dutzend selbst geschriebener Lieder die sich selbst bespiegelnde Sittsamkeit aufmischte. Zehn dieser zwölf Songs spielt Kris Kristofferson am Sonntagabend in der lange ausverkauften Blues Garage in Hannover-Isernhagen. Sie sind nichts weniger als sein frühes Vermächtnis.

veröffentlicht am 20.06.2017 um 13:00 Uhr

Nicht nur als Country-Sänger, auch als Schauspieler hat sich Kris Kristofferson einen Namen gemacht. Foto: jed
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Autor

Martin Jedicke Reporter
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Es hätte anders kommen können. Aber Kristofferson schlug eine akademische wie eine Army-Karriere aus. „Freedom‘s just another word for nothing left to lose“ singt er in „Me and Bobby McGee“ und meint das ernst. Er lebt in einem Slum-Apartment, schlägt sich als Hausmeister und Barkeeper durch, fliegt Arbeiter auf Bohrinseln. Und – so die Legende – landet mit dem Hubschrauber bei Johnny Cash im Garten, um ihm ein Demotape mit seinen Songs auszuhändigen. Der ist wohl nicht zu Hause, wird aber später „Sunday Mornin‘ Comin‘ Down“ zum Hit machen und Kristofferson zum Durchbruch verhelfen. „And the beer I had for breakfast wasn’t bad, so I had one more for dessert“ grummelt Kristofferson in der Rolle des verkaterten Suffkopps.

Seine heute noch mehr an den Rändern ausgefranste Bassstimme passt ganz wunderbar, wenn man sich die Gesangsleistung schönreden will. Auch „To Beat the Devil“ hat mit Cash zu tun. Ähnlich wie bei Kristofferson gibt es immer jemandem, der einen aus dem Dreck zieht. Und manchmal sind sie es auch selbst. Das lyrische Ich widersteht einem Teufelspakt – quasi die Antithese zu „Faust“ und „Crossroads“.

Manche Stimmen, wie die des Crooners Perry Como in seiner „For the Good Times“-Version, sind besser ausgebildet. Wenn Kristofferson, der am Donnerstag 81 Jahre alt wird, seine Kompositionen selbst zur akustischen Gitarre vorträgt, erweist er sich als sinnlicher Poet und Sänger, doch die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Nur selten verlässt die Stimme den Sprechgesang, immer Gefahr laufend, zu brechen oder an einem Frosch im Hals zu scheitern. Kristofferson weiß das, räuspert und schüttelt sich kurz, nimmt’s gelassen mit Humor. Wenn das Publikum in „Help Me Make It Through the Night“ mit einstimmt, ist das Programm.

Kristofferson singt all diese Country-Evergreens vor Stehlampe und antikem Fernseher. An einem Garderobenständer hängen Colt und Cowboyhut. Eine Wohnzimmerkulisse zwischen angestaubter Spießigkeit und der aufrechten Outlaw-Haltung, die in vielen seiner Texte gegenwärtig ist.

Kristofferson ist kein Spätwerk wie Cashs „American Recordings“ gelungen. Unvergessen bleibt hingegen der Schauspieler. Als Sheriff in Michael Ciminos künstlerisch großartigem Millionen-Flop „Heaven’s Gate“: Nach einem Scheunenfest ist lediglich die Band geblieben. Noch einmal erklingen Fiddle und Banjo, ganz allein drehen Kristofferson und Isabelle Huppert ihre Kreise zu einem immer schneller werdenden Walzer. Sie sind keine großen Tänzer, aber es ist berührend, den geschundenen Seelen zuzusehen. Etwa so funktioniert Kristoffersons Konzert – zumindest als Erinnerung.

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