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Das Alte Schauspiel Stuttgart verwurstet Kurt Tucholskys „Schloss Gripsholm“ zur Biografie-Collage

Köstlicher Roman – unappetitlich arrangiert

Hameln. Es ist weniger ein einladendes Feriendomizil, als vielmehr ein karger Raum: mit gelbem Gestänge eingezäunt, vom großen Bett dominiert, mit einer mickrigen Schallplattensammlung dekoriert. Das Bühnenbild von Konrad Kulke am Donnerstagabend im Theater Hameln verrät bereits, dass Regisseur Volkmar Kamm das gleichnamige Schauspiel nach Tucholskys Roman „Schloss Gripsholm“ gehörig durch den Fleischwolf gedreht hat. Aus dem sonnigen Stück Literatur beschert er eine verregnete Inszenierung, die in der Mittelmäßigkeit absäuft.

veröffentlicht am 24.04.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 06:21 Uhr

Die Prinzessin und ihr Prinzgemahl: Lydia (Birthe Gerken) verrei

Autor:

Julia Marre
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Warum? Weil er den autobiografisch angehauchten Roman von 1931 mit Fakten aus dem Leben des Verfassers übersättigt. Weil die Geschichte eines Urlaubs eher schleppend heruntergespult als unbekümmert durchtanzt scheint. Weil Realität und Fiktion sich gegenseitig im Weg stehen.

Aus Melancholie wird Nazi-Grusel

Dabei geht es doch ursprünglich um eine leichte, beschwingte Ferienzeit, um einen erholsamen Sommer voller ausgelassener Späße und heiterer Liebe. Kurt (Christoph Wieschke) verreist mit seiner Prinzessin, der wilden Schönen (Birthe Gerken), wird besucht von Billie, der schönen Wilden (Kathrin Anna Stahl), und seinem Busenfreund Karlchen (Guido Bayer). Aus der neuen Konstellation entwickelt sich eine für die Inszenierung entschärfte Ménage à trois, ehe Kurt mit seiner Prinzessin glückselig abreist und quasi nebenbei ein geknechtetes Mädchen aus den Fängen seiner tyrannischen Heimleiterin rettet. Sicherlich hat der Roman melancholische Züge – jedoch bleibt nach den vielen polemisierenden Tucholsky-Chansons, die der Inszenierung Musiktheater-Charakter verleihen und sie immer wieder zerstückeln, ein mehr als bitterer Nachgeschmack.

Fragwürdig ist, weshalb die größtenteils fiktive Erzählung nahtlos umschaltet zu Tucholskys wahrer Lebens- und Leidensgeschichte. Im Stück kehrt Kurt nach Schweden zurück (was Tucholsky ja tatsächlich tat, wenn er auch nie in „Schloss Gripsholm“ wohnte). Der aus Nazi-Deutschland emigrierte Lyriker stirbt von Depressionen gezeichnet an einer Überdosis Schlaftabletten. Und der skurrile Schluss: In der Bühnenfassung, die die Stuttgarter Komödie im Marquardt zeigt, singt die Schauspielerin Kathrin Anna Stahl „Küsst die Faschisten“ aus dem Gedicht „Rosen auf den Weg gestreut“, während auf ihren Hotpants neckisch das Hakenkreuz aus Strasssteinchen im Scheinwerferlicht funkelt.

Dessen ungeachtet gibt es neben den ausnahmslos guten schauspielerischen Leistungen zuweilen auch schöne Regie-Einfälle: Als die Prinzessin etwa mit Karlchen im übergroßen Bilderrahmen ein Singspiel über die Ehe aufführt. Und immer dann, wenn das Grammofon eingeschaltet wird – weil Alexander Reuter just in dem Moment beginnt Klavier zu spielen. Schade nur, dass die Dialoge währenddessen so schlecht zu verstehen sind…



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