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Warum wir zu Weihnachten Musik für uns entdecken, die uns das ganze Jahr nicht gefehlt hat

Kling, Glöckchen!

Hätte Johann Sebastian Bach geahnt, was aus seinem „Weihnachtsoratorium“ werden würde, er hätte sich wohl etwas mehr Mühe gegeben. Natürlich ist das wunderbare – nicht wenige Musikfreunde sagen sogar: himmlische – Musik. Aber der Thomaskantor hat sie doch eher eilig zusammengesucht als komponiert. Kaum eine Note darin ist neu entstanden, das Stück besteht fast ausschließlich aus wiederverwerteten älteren Werken. Die Musikwissenschaft hat sich schon vor Jahrzehnten die Mühe gemacht, sämtliche Originalstücke herauszufinden, die Bach für sein heute populärstes Werk mit neuen Texten unterlegt hat. Bach sah offenbar keinen Anlass für den ganz großen Aufwand. Es war schließlich nur Weihnachten.

veröffentlicht am 11.12.2015 um 16:56 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 12:44 Uhr

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Autor:

Stefan Arndt
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Zu Bachs Zeiten war das Weihnachtsfest zwar ein kirchliches Hochfest, aber kein gesamtgesellschaftliches Ereignis. Es stand deutlich hinter Karfreitag und Ostern als Höhepunkte des Kirchenjahrs zurück. Heute hat sich das geändert: Je säkularer die Gesellschaft wird, desto größer erscheint die Bedeutung der Weihnachtszeit. Und ausgerechnet Bachs improvisiertes Oratorium steht beispielhaft für die Popularität, die auch Musik in diesen Tagen hat. Zu keinem Zeitpunkt im Jahr ist die Konzertdichte so hoch wie jetzt.

Der Grundstein dafür wurde im 19. Jahrhundert gelegt, als sich der zentrale Schauplatz des Festes von der Kirche in die gute Stube verlagerte. Das Bürgertum verwandelte profane Wohnräume mit Tannenbaum und Lametta in kleine Festsäle. Musik war dabei ein entscheidender Stimmungsmacher: Die Heilige Nacht wurde hier erst als solche erkennbar, wenn man sie auch als „Stille Nacht“ besang. Dieses weltweit wohl populärste Weihnachtslied ist nicht etwa ein uraltes Kirchenlied. Es wurde 1818 zum ersten Mal gesungen.

Lieder machen seither einen zentralen Teil der weihnachtlichen Musik aus. Waren es anfangs fast schon vergessene Choräle wie „Es ist ein Ros’ entsprungen“, die im privaten Rahmen eine neue Blüte erlebten, wurde später der direkte kirchliche Bezug immer unwichtiger. „Jingle Bells“ schildert eine Schlittenfahrt, „In der Weihnachtsbäckerei“ das Keksbacken und „Last Christmas“ das traurige Ende einer Liebe. Während diese Lieder inzwischen international sowie genre- und epochenübergreifend sind, beschränkt sich die andere Säule der Weihnachtsmusik auf eine eng begrenzte Periode der Musikgeschichte: auf die Barockzeit. Auch wer im übrigen Jahr kaum mit Klassik in Berührung kommt, schreckt jetzt nicht davor zurück, Bach, Corelli & Co. zu hören.

Lieder und Barockklänge scheinen perfekt den Zustand der Besinnlichkeit zu illustrieren. Und manchmal erweisen sie sogar Wirkung, sie können uns froh und munter stimmen. Selbst wenn sie wie Bachs „Weihnachtsoratorium“ in Eile entstanden sind, können sie die Hektik bremsen, von der wir uns sonst umtreiben lassen. Schade eigentlich, dass nicht immer Weihnachten ist.



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