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Wolfgang Seifen mit Orgelimprovisationen zum Stummfilm „Nathan der Weise“ in der Marktkirche

Kinoerlebnis mit Licht und Schatten

veröffentlicht am 09.09.2016 um 22:08 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 09:24 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf
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Was die Besucher der Veranstaltung in der gut besuchten Marktkirche erlebten, war ein rundum ergreifendes Kinoerlebnis – und ein Unikat.

„Das sind lupenreine Improvisationen, die gibt es nur einmal, die sind nicht wiederholbar“, so Seifen. Von der Orgelempore herab verfolgte der Musiker das Leinwandgeschehen über einen kleinen Spiegel und passte seine beeindruckenden Orgelimprovisationen sekunden-, ja bildgenau den Geschehnissen des Films an.

Zwar gäbe es dynamische Einzelheiten und Figuren, doch seien Rhythmus und Melodien immer wieder neu, so Seifen. „Man muss mit dem Film leben, Bild und Ton zu etwas Neuem zusammenführen“, erklärt er.

Organist Wolfgang Seifen begleitete den Stummfilm „Nathan der Weise“ (1922, o.) mit Werner Krauss in der Hauptrolle. Foto: eaw

Gerade das Ende des Films mit seiner pazifistischen Botschaft gelingt Seifen überaus ergreifend, fast zu Tränen rührend.

Der Gefahr der Verkitschung entgeht der Musiker durch klare, harmonisierte Melodien. „Kitsch lauert immer dann, wenn´s banal wird“, sagt er. Das allerdings war in keiner Sekunde des 132-Minuten-Streifens der Fall.

„Der Film der Humanität“, so verhieß das Plakat der Uraufführung des 1922 entstandenen Stummfilms in der Regie von Manfred Noa. Bei der Münchner Bavaria-Filmkunst gedreht, lehnte die Filmprüfstelle München den Film jedoch ab. „Der Jude ist alles, die anderen, ob Christ oder Türke, sind nichts. […] Der Film wird […] aller Wahrscheinlichkeit nach zu erregten Auseinandersetzungen und erfahrungsgemäß auch zu Tätlichkeiten kommen, so dass der Bildstreifen außerordentlich geeignet erscheint, die öffentliche Ordnung und Sicherheit zu gefährden“, so die Gutachter.

Und in der Tat versuchten bereits im November 1922 Rechtsradikale, den Filmstreifen zu vernichten. Vergeblich.

Gezeigt wurde in der Marktkirche die einzig erhaltene, 2005 restaurierte Fassung des Stummfilms aus dem Münchner Filmmuseum.

„Bildgewaltig, eindrucksvoll inszeniert, faszinierend gespielter Ausstattungsfilm“ bewertet der Kabel Eins-Filmdienst. Filmisch glänzend gelungen vor allem die expressionistisch anmutende Umsetzung der Lessing’schen Ringparabel in Form einer Scherenschnitt-Sequenz.

Allerdings hätte man sich zusätzlich zum durchaus zutreffenden aktuellen Bezug auch eine ausführlichere filmhistorischen Einführung gewünscht. Die allerdings fehlte, so dass etwa die zwiespältige Rolle des Hauptdarstellers Werner Krauß im Schatten blieb. Als Burgschauspieler einer der größten Stummfilm-Mimen seiner Zeit („Das Kabinett des Dr. Caligari“, 1920) einerseits, andererseits auch Antisemit und als deutscher Staatsschauspieler gleich mehrfach am Nazi-Propaganda-Machwerk „Jud Süß“ beteiligt. Von Hitler persönlich im August 1944 auf die „Gottbegnadeten-Liste“ der wichtigsten Künstler gesetzt.

Der Schauspieler, dessen antisemitische Darstellung des „Shylock“ die Nazi-Presse 1943 jubeln ließ, war in der Marktkirche als eindrucksvoller Nathan zu erleben. Was für ein Kontrast. Schade nur, dass die Zuschauer bei diesem filmisch und musikalisch grandiosen Kinospektakel mit Licht und Schatten in dieser Hinsicht alleinegelassen wurden.



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