weather-image
19°
„Matthäus-Passion“ im Wohnzimmer

Kantorei auf Hausbesuch

HAMELN. „Ich habe keine Ahnung, was da auf uns zukommt und lasse mich völlig überraschen“, sagt Stephanie Hülsemann. Die 47-jährige Dozentin und Mutter von vier Töchtern hatte sich bei der Dewezet um eine Einführungsveranstaltung zur Aufführung der Matthäus-Passion am Karfreitag und Karsamstag beworben. Voraussetzung: ein großes Wohnzimmer und einige interessierte Nachbarn. Die konnten jetzt Kreiskantor Stefan Vanselow begrüßen, der zusammen mit Meike Jacobi und Ulrike Poppelbaum-Lürig von der Hamelner Kantorei ins Heim der Hülsemanns gekommen war.

veröffentlicht am 04.04.2017 um 16:14 Uhr

Unterwegs in ungewöhnlichem Terrain: Kreiskantor Stefan Vanselow mit Meike Jacobi und Ulrike Poppelbaum-Lürig von der Hamelner Kantorei im Heim der Familie Hülsemann. Foto: eaw
Avatar2

Autor

Ernst August Wolf Reporter
Weiterlesen mit Ihrem Digital-Abonnement
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Die Hamelner Kantorei auf Hausbesuch“, erklärt Vanselow, „das ist eine PR-Maßnahme, mit der wir wie etwa auch Pop-Bands gezielt unsere Anliegen kommunizieren und eine Beziehung zu unseren Konzertbesuchern aufbauen wollen.“ Auch der Herr des Hauses, der 46-jährige Rechtsanwalt Jörn Hülsemann, ist inzwischen eingetroffen. „Für mich ist diese Musik maximale Entschleunigung“, sagt er . Zu singen traue er sich zwar nicht, aber „georgelt“ habe er früher schon. Auch seine vier Töchter spielen ganz unterschiedliche Instrumente: Sarah Cello, Lina Querflöte, Greta Klarinette und Gitarre, Pia das Klavier im Nebenraum. Erst einmal aber erklingt der Eingangschor der Matthäus-Passion von der CD. Vanselow schwärmt: „Ein Werk der Superlative, dauert am längsten und ist am größten besetzt. Im Vergleich zu anderen Werken allerdings kein Stück für Einsteiger.“

Auch ein Ballett bei den Tanztheatertagen habe unlängst überraschenderweise die Thematik aufgegriffen, weiß Nachbar Andreas Grehl zu berichten. Schnell kommt das Gespräch in Fahrt. Meike Jacobi, die seit 16 Jahren in der Kantorei als erste Altstimme mitsingt, berichtet von der intensiven Arbeit während der Chorfreizeit in Wernigerode und Vanselow erklärt den Unterschied zwischen heutigen, mit Hightech-Mitteln realisierten Aufführungen, und jenen zu den Zeiten Bachs. „Der hatte einen Chor mit 12 bis 18 Stimmen, wir haben 120“, sagt der Kreiskantor. Bei Bach sangen ausschließlich Knaben, die Kantorei sei mit Frauenstimmen sehr gut besetzt. „Man müsste eine Zeitmaschine haben, um zu hören, wie das damals klang, wie Tempi und Phrasierung waren“, wünscht sich Vanselow. „Phrasierung?“, fragt ein Teilnehmer und erfährt, dass es sich dabei um eine musikalische Betonung handelt.

Auch sprachlich höre sich die barocke Sprache heutzutage gewöhnungsdürftig an, erfahren die Gäste des Hausbesuchs. „Mich lüstet's“ oder „Komm süßes Kreuz“ seien schon merkwürdige Formulierungen, meint Vanselow. Und auch die „Sühneopfer-Theologie“ stünde mitunter im Gegensatz zu modernen religionswissenschaftlichen Ansichten.

„Erst war der Text, dann die Musik“, erläutert Vanselow und greift auch selbst einmal in die Tasten, begleitet von Hülsemann-Tochter Lena auf der Querflöte. Die Gesprächsrunde dreht sich um die Vermittelbarkeit des Bachschen Meisterwerkes für jüngere Zuhörer, um die Hintergründe der heute nicht mehr wegzudenkenden historischen Aufführungspraxis, um die Wiederentdeckung Bachs durch Mendelssohn und den Aufstieg des Barockkomponisten zum größten Musiker aller Zeiten. Ein Shakespeare der Musik, dessen Werke die Zeiten überdauern. Nach gut 90 Minuten endet der Hausbesuch. „Eine tolle Musikvermittlung“, finden die Gäste. Die sind nun erst richtig neugierig geworden auf die beiden Aufführungen in der Marktkirche am 14. und 15. April. „Nach diesem Hausbesuch werden wir das mit ganz anderen Ohren hören“, meint eine Teilnehmerin beim Hinausgehen voller Vorfreude.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare