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„Till“ in der „arche“-Galerie

Inszeniert als Anarchist

veröffentlicht am 14.01.2018 um 18:06 Uhr

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Autor

Richard Peter Reporter
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HAMELN. Der Gegensatz könnte nicht größer sein: ein bescheidener, sympathischer, freundlich gesinnter Mann, wie ihn „arche“-Chefin Britta Samsen-Huch in ihrer so einfühlsamen Einführung beschreibt – und Till in monströsen Porträts als Anarchist inszeniert. Gleichermaßen brutal und rätselhaft.

Paul Wilde und sein „Alter Ego“, das alles ist – nur eines nicht: das liebenswerte Närrchen aus dem Bilderbuch. Wildes Eulenspiegel ist elementar, eine Bild gewordene amorphe Masse. Gruselkabinett. Sein Name kennt viele Schreibweisen. Im Niederdeutschen heißt „ulen“ so viel wie fegen, auch wischen, während Spegel für Gesäß steht. Also „wisch mir den Hintern“ oder schlicht: „Leck mich am Arsch“.

Das kommt Wildes Till ganz nahe, der seiner Titelfigur so viele ungewöhnliche Variationen widmet. „Patron der Verantwortungslosen“ nennt er ihn und reiht Kopf an Kopf – einen ganzen Kosmos an faszinierenden Fratzen. Für Wilde ein provokanter Störenfried, ein böser Narr, der die Welt zum Narren hält. Was seine Biografie betrifft: 1300 in Kneitlingen bei Braunschweig geboren, was nie bewiesen wurde, so wenig wie sein Tod 1350 in Mölln im Herzogtum Lauenburg. Was nicht verhinderte, dass seine Geschichte, ein Weltbestseller, in viele Sprachen übersetzt wurde. Allein als Jugendbuch werden über 250 Versionen gezählt.

Wir kennen ihn als liebenswerten Schalk aus Norddeutschland, schlau, gerissen, witzig und intelligent, der nur vorgibt, ein Narr zu sein. Sein Trick: Er nimmt wörtlich und stellt damit seine Opfer bloß. Aber schon da – neben der eher harmlosen Satire, treibt er seine bösen Späße, betrügt, vorzugsweise Wirte und Handwerker. Vor allem aber geht es Eulenspiegel um Eulenspiegel. Und um den geht es auch Paul Wilde, dessen Ausstellung „Till“ am Freitagabend in der „arche“-Galerie eröffnet wurde.

Für Britta Samsen-Huch ist Wildes Seelenverwandter und Bruder im Geiste infantil, schadenfroh und obszön und allemal auf seinen Vorteil bedacht. Bei Wilde, so die arche-Chefin, schlüpft Till in „sämtliche Rollen und Masken unserer Gesellschaft“. Ein verletzlicher, ein verletzender Till mit großer Ausdruckskraft als „Konfrontation mit sich selbst“. Dieser imaginäre Freund des Malers in groben, kraftvollen Pinselhieben auf die Leinwand gewischt. Schlichte Kopfformen mit übergroßen, prägnanten Nasen zumeist und aufgerissenen, wie mit Stacheldraht versperrten Mäulern, die an Hannibal Lector erinnern. Eine Folge von großformatigen Köpfen nur mit Augen. Angstvoll, wild, stierend, verwirrt – immer extrem. Nur mit Augen, so Wilde, kann man Angst ausdrücken. Ausnahmesituationen – wie alle Figuren von Wilde: Till, wie er sich schminkt mit Lippen, wie mir Blut verschmiert, Tills Angst vor dem Galgen mit schreckhaft geweiteten Augen und verkniffenen Lippen. Till, der eins auf die Fresse bekommt, mit bluttriefendem Mund und immer mit einem Dreieckshütchen als Narrenzeichen – aber auch Gottes Auge assoziiert. Till mit dicken Backen und mahnendem Zeigefinger, als Schwuler oder onanierend mit dem Titel „Alles muss raus“.

Seit über vierzig Jahren ist Paul Wilde Mitglied der „arche“, meist in Gruppenausstellungen präsent. Jetzt füllen seine Horrorvisionen die arche-Wände. Eine eigene Welt, die bei aller Exzentrik nicht nur den Eulenspiegel meint - eine Weltfigur, die stellvertretend unser aller Leben darstellt.



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