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Sommerliches Publikum bei „Kirche klingt“ mit Aeri Chang

In Flip Flops zum Orgelkonzert

Hameln. „Kirche klingt“, so heißt die Konzertreihe, in der auch in diesem Sommer in der Marktkirche junge Organisten jeden Donnerstag am Mittag und frühen Abend rund 40 Minuten Orgelmusik präsentieren. Zumeist Klassiker wie Bach, Rheinberger, Franck und – wohl dosiert – den einen oder anderen modernen Komponisten. Technisch allesamt begabte junge Kirchenmusiker zumeist aus den Orgelklassen der hannoverschen Musikhochschule. Nichts Besonderes also, wäre da nicht das typische „Kirche klingt“-Publikum.

veröffentlicht am 31.07.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 23:41 Uhr

Organistin Aeri Chang.  Foto Wolf

Autor:

Ernst August Wolf
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Etwa jener vom Sightseeing ermattete Tourist schwäbischer Provenienz, der bis auf die weißen Socken ganz und gar dem Kleidungsideal deutscher Touristen entspricht, „nur mal schaue“ will, sich dann aber doch „hinhockt“. Als ginge es auf

eine Polexpedition

Oder das eng umschlungene Pärchen, das so lange sucht, bis es eine Bankreihe nur für sich alleine gefunden hat. Gleich dahinter eine südländische Familie, gegen die abendliche Kühle in dicke rote Wattejacken verpackt, als ginge es auf eine Polexpedition. Die einsame weißhaarige Alte ist ebenso dabei wie eine Flip Flop-beschuhte Mollige mit Begleiter und ein stämmiger Kerl auf dessen T-Shirt „Jugendfußball 2008“ prangt, und der hofft, das Ganze werde nicht länger als eine Halbzeit dauern.

Ganz unvermittelt bricht dann die Urgewalt von Bachs „Präludium und Fuge h-moll“ über sie alle herein. Der schwäbische Tourist sperrt Augen und Ohren auf, Kinder blicken erschrocken nach oben, das Pärchen rückt näher zusammen. Die traurige Alte fixiert gedankenverloren einen Punkt irgendwo hinter dem Altar.

Rheinbergers, von der jungen Organistin glänzend vorgetragene, „4. Sonate a-moll“ verlangt Sitzfleisch. Zwei wohlerzogene Töchter greifen lautlos nach der Uhr der Mutter und ihr Blick sagt: „Mama, wie lange noch?“

Nach dem Allegro folgt das melodiös dahinplätschernde Andante pastorale, zum Schluss die strenge „fuga chromatica“. Die Flip Flop Dame hat sich ihres Schuhwerks entledigt und bestaunt ihre perfekt bemalten Zehennägel.

Endlich das Finale. Maurice Duruflé äußerst imposante, sehr moderne Toccata voll nahezu atonaler Klangkaskaden, hinterlässt reichlich Irritation beim „Kirche klingt“-Publikum. Dann ist’s vorüber. All die Einkaufstaschen, Rucksäcke mit integrierten Trinkflaschen, T-Shirts, Wattejacken, Flip Flops und kurzen Hosen entschwinden aus dem Gotteshaus.



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