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Langanhaltender Applaus für Anne Leppers „Seymour“-Uraufführung

In der Hölle der dicken Kinder

Hannover. Sie tragen hautfarbene Fettanzüge, aus Kissen und Schaumstoff gebastelt, und sehen lächerlich darin aus. Die fünf Schauspieler auf der Cumberlandschen Bühne des Schauspiels Hannover stellen übergewichtige Kinder dar. Die hässlichen Kleinen wurden von ihren Eltern in ein Kurheim abgeschoben. Hier absolvieren sie ein absurdes Programm von Liege- und Sonnenkuren, nachts stehen ärztlich verordnete Exzesse mit Kuchen und Knutschen auf dem Programm.

veröffentlicht am 09.01.2012 um 15:08 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 21:21 Uhr

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Autor:

Christina Sticht
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„Es geht nicht um Schönheitswahn oder um Dicke, es geht um menschliches Leben. Wie kann ich leben, ohne mich umbringen zu müssen? Wie schaffe ich den Tag?“, sagt die Wuppertaler Autorin Anne Lepper über ihr Stück „Seymour oder ich bin nur aus Versehen hier“, das in Hannover uraufgeführt wurde. Das Publikum feiert die Premiere nach 80 Minuten mit langanhaltendem Applaus.

Anne Lepper gehört zu den großen Hoffnungen des Gegenwartstheaters (wir berichteten). Im vergangenen Jahr hatte sie beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens den Auftrag für das Schauspiel Hannover gewonnen. In „Seymour“ fühlen sich die fünf Kinder aussortiert, sie sehnen sich nach Akzeptanz, Liebe, einer Aufgabe und nach Erlösung. Das Lachen bleibt den Zuschauern schon bald im Hals stecken, etwa wenn ein Mädchen nach dem Selbstmord eines Kindes sagt: „Ich fühl mich immer ein bisschen gesünder, wenn einer stirbt. Siehst du nicht manchmal auch gern einen Sarg?“

Alle warten auf den ominösen Doktor Bärfuss. Es gibt wenig Handlung, kaum Entwicklung der Figuren. Regisseurin Claudia Bauer schafft es dennoch, dem Stück einen Drive zu geben. Wie ein ritueller Tanz muten die Übungen im Sanatorium an, die Insassen singen im Chor Volkslieder, nächtliche Kuchen-Exzesse erinnern an Schwarze Messen. „Mich hat interessiert, dass das Stück kein well-made-play ist, sondern ein Steinbruch“, sagt Bauer.

Thomas Manns „Zauberberg“, William Goldings „Herr der Fliegen“, „Peter Pan“ und „Kater Mog“: „Seymour“ ist mit zahlreichen literarischen Anspielungen gespickt. Anne Leppers assoziative Sprache berührt. Als Vorbild nennt sie keinen großen Dramatiker, sondern einen Zeichner und Kinderbuchautor: Maurice Sendak.

Auf einem OP-Tisch mehr tot als lebendig liegt der beinahe magersüchtige Sebastian. Die fünf Fetten himmeln ihn als ihr Ideal an. Aber der potenzielle Erlöser löst die Verheißung ebenso wenig ein wie Doktor Bärfuss.

Die nächsten Termine: am 18. und 31. Januar sowie am 3., 18. und 24. Februar um 20 Uhr auf der Cumberlandschen Bühne.



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