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Frankfurter Buchmesse hat ihre Pforten geöffnet / Ehrengast Georgien wirbt mit der Sprache für sich

Im Irrgarten der Buchstaben

FRANKFURT/MAIN. Mit dem Andrang von Fachbesuchern hat am Mittwoch in Frankfurt die traditionsreiche Buchmesse begonnen. Höhepunkt des ersten Tages der weltgrößten Bücherschau ist der Besuch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Er wird mit der kroatischen Schriftstellerin Ivana Sajko und dem belgischen Autor Stefan Hertmans über die Verteidigung der Freiheit in „stürmischen Zeiten“ debattieren.

veröffentlicht am 10.10.2018 um 14:20 Uhr
aktualisiert am 10.10.2018 um 20:40 Uhr

Die Bücher am Stand des Diogenes Verlags sind zurechtgerückt: Die Frankfurter Buchmesse hat ihre Pforten geöffnet. Rund 7500 Aussteller präsentieren sich bis Sonntag auf der weltgrößten Bücherschau. Foto: dpa

Autor:

Thomas Maier

Die Buchmesse hat zu ihrem 70-jährigen Bestehen das Thema Menschenrechte ins Zentrum gerückt. Vor sieben Jahrzehnten wurde von den Vereinten Nationen die Menschenrechtsdeklaration verkündet.

Insgesamt präsentieren in Frankfurt in diesem Jahr rund 7500 Aussteller aus 110 Ländern ihre Produkte. Bis Freitag steht die Messe nur Fachbesuchern offen. Am Samstag und Sonntag (13./14. Oktober) sind auch Privatleute willkommen.

Georgien – Ehrengast der Frankfurter Buchmesse – hat sich in seinem Pavillon ganz auf sein Alleinstellungsmerkmal besonnen. Entlang der 33 merkwürdig geschwungenen Buchstaben des einzigartigen Alphabets schicken die Organisatoren die Besucher auf eine kulturelle Reise durch Geschichte und Gegenwart des zwischen Kaukasus und Schwarzem Meer eingeklemmten Landes.

Der Autor Aka Morchiladze aus Georgien bei der Eröffnung der 70. Frankfurter Buchmesse. Sein Land ist in diesem Jahr Ehrengast der Buchmesse. Foto: dpa
  • Der Autor Aka Morchiladze aus Georgien bei der Eröffnung der 70. Frankfurter Buchmesse. Sein Land ist in diesem Jahr Ehrengast der Buchmesse. Foto: dpa

„Georgia – Made by Characters“ heißt der Gastlandauftritt. Es ist ein zweideutiges Motto. Einmal bezieht es sich auf das bis ins vierte Jahrhundert zurückgehende Alphabet. Zum andern sind damit auch die literarischen Charakterköpfe des kleinen Landes gemeint. Der berühmteste davon ist Schota Rustaweli, der im Mittelalter den Gedichtband „Der Recke im Tigerfell“ schuf. Ein Epos, das jeder Schüler in dem Land mit seinen knapp vier Millionen Einwohnern kennt. Bei den hehren Prinzipien, die das Buch proklamiert, steht die Freundschaft ganz obenan.

Diese wird im Pavillon mit dem 30. Buchstaben des Alphabets verknüpft. Giorgi Avaliani leitet von Rustaweli auch die sprichwörtliche georgische Gastfreundschaft ab. Der junge Georgier hat den Pavillon mitkuratiert – und sich zur Eröffnung am Dienstag den Spaß gemacht, mit traditioneller kaukasischer Kopfbedeckung sowie jeweils einem schwarzen und weißen Turnschuh an den Füßen anzutreten. „Ich versuche, die Brücke von der Vergangenheit zur Gegenwart zu schlagen“, sagt er ironisch. Im wirklichen Leben führt er in Tiflis eine Werbeagentur.

Auf der Messe will die ehemalige Sowjetrepublik bis zum kommenden Sonntag beweisen, dass das an der Schnittstelle zu Asien liegende Georgien historisch-kulturell schon lange zu Europa gehörte – und für immer dazugehören will. Rund sechs Millionen Euro lässt sich das Land den Auftritt in Frankfurt kosten, an dem sechs Jahre gearbeitet wurde. Etwa 70 Schriftsteller werden aus Georgien erwartet. Eine erstaunliche Zahl von 150 Büchern sind in den vergangenen Jahren allein ins Deutsche übersetzt worden – mit finanzieller Übersetzungshilfe aus Georgien.

Nach der Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1991 hat sich vor allem in der Hauptstadt Tiflis eine sehr lebendige kulturelle Szene entwickelt. Es sind Autoren, die in dem Land, das immer noch von der konservativen orthodoxen Kirche dominiert wird, brisante gesellschaftspolitische Themen zur Sprache bringen. Literarische Avantgardisten wie die Künstlerbewegung „Blaue Hörner“ gab es in Georgien aber schon zwischen den beiden Weltkriegen. Fast alle dieser Autoren wurden unter Sowjet-Diktator Stalin – der aus der Nähe von Tiflis stammt und damit zugleich der berühmteste Georgier ist – liquidiert. Ein Buchstabe im Alphabet im Pavillon erinnert an das Schicksal von Petre Otskheli, einen Designer und Modernisten aus Tiflis, dessen Arbeiten bis heute in Georgien verehrt werden. Er wurde 1937 in Moskau im Alter von 30 Jahren erschossen.



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