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Zu seinem 85. Geburtstag schaut Martin Walser in seinem neuen Buch auf Zeugen und Zeugnisse

„Ich war von Anfang an Schriftsteller“

Am 24. März feiert Martin Walser seinen 85. Geburtstag. Dazu kommen Neuerscheinungen auf den Markt, in denen der Schriftsteller auf sein Leben schaut: „Meine Lebensreisen“ (Corso Verlag) und „Über Rechtfertigungen, eine Versuchung“ (Rowohlt). Mit beiden Büchern wird der Autor bei der Leipziger Buchmesse präsent sein. Dort wird er über Recht und Rechtfertigung sprechen. An die Stelle der Rechtfertigung, meint er, sei die Frage danach getreten, wer recht hat. Im Vergleich ein bescheidener Anspruch, findet er. „Es ist kein Vergnügen, sich als neiderfüllt zu erleben. Ich beneide den und jenen, weil er sich gerechtfertigt fühlt“, schreibt er und wählt den Kapitalismuskritiker Jean Ziegler als Beispiel.

veröffentlicht am 13.03.2012 um 15:27 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 13:41 Uhr

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Autor:

Janina Fleischer
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Walser spielt auf die Salzburger Festspiele 2011 an, als Ziegler die Eröffnungsrede halten sollte und dann nicht durfte. „So kam es dort nicht zum ,Aufstand des Gewissens‘, sondern zur Festrede, die von Joachim Gauck gehalten wurde.“ Walser stellt die ungehaltene und die gehaltene Rede gegeneinander, schließlich wirken beide Männer auf ihn als „ganz und gar Gerechtfertigte“. „Uns, die Intellektuellen, verbindet der Mangel an Rechtfertigung, der uns zu solchen Auftritten zwingt.“

So tritt Martin Walser in seinem Buch den Lesern entgegen. In privaten Reflexionen hinterfragt er einen Tagebucheintrag aus dem Jahr 2000, in dem er rechtfertigen musste, nicht mehr als Linker gelten zu können. „Lebenslänglich SPD, das stelle ich mir vor wie eine Allwetterkleidung fürs Bewusstsein.“

Walser erzählt, wie ihn der Zeitgeist dreimal zurechtgewiesen habe: „Ein bisschen übertreibend kann ich sagen: Ich war von Anfang an Schriftsteller. Ein Schriftsteller, wenn er halbwegs bei Trost ist, kann nichts anderes sein als ein Schriftsteller. Seine Rechtfertigung holt er sich nicht im Kommunismus oder Nationalismus oder Antisemitismus.“ Dieser Schriftsteller umgarnt sein Thema nicht ohne Verweise auf seine Romane, auf „Angstblüte“ oder „Muttersohn“, und nicht ohne Bezug zum Religiösen. „Was wir hinter uns gelassen haben: Rechtfertigung überhaupt von, sagen wir, oben zu erwarten. Heute genügt es, dass es einem gut geht, dann ist der Rechtfertigungsbedarf schon gedeckt.“

Doch das sind nur Aufwärmübungen für Walsers eigentliches Thema: sein Bekenntnis zur Theologie, die er mit Literatur und Philosophie zusammenzubringen sucht. Er entwickelt die Idee von einem Seminar über Friedrich Nietzsche und den evangelisch-reformierten Theologen Karl Barth.

Walser argumentiert geistreich, unterhaltsam, polemisch und mit der Leichtigkeit dessen, der selbst ein „Bewusstseinstheater“ ist, in dem „die Texte aus 2000 Jahren nie ganz verstummen wollen“. Er beruft sich auf die Verlässlichkeit der Sprache. Die ihn überall hinträgt. Die ihn in Stellung bringt „gegen die Selbstgenügsamkeit des sogenannten Atheisten“. Die ihn trainiert für den „Gewissens-Stabhochsprung“ mit Kafka.

Weil Walser gern sagt, dass nichts ohne sein Gegenteil wahr ist, schlägt er eine Kultur der Selbstwiderlegung vor, um die Kultur des Rechthabens ein bisschen fortzubilden. Ihm scheint, dies „sei fast eine Chance, in einer auf Rechthaben gegründeten Gesellschaft eine Bewegung in Richtung Rechtfertigung zu ermöglichen“.

Martin Walser: „Über Rechtfertigung, eine Versuchung. Zeugen und Zeugnisse.“ Rowohlt. 109 Seiten, 14,95 Euro.



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