weather-image
13°

"Ich komme aus einer kleinen familiären Sozialistenzelle"

Zur Integrationsdebatte kann Wladimir Kaminer einiges beisteuern. Seine humorvolle Schilderung der russischen Volkspost zum Beispiel. Die ist in seinem neuen Roman „Meine kaukasische Schwiegermutter“ nachzulesen. Mit dem Buch und neuen Texten kommt Kaminer am Donnerstag, 5. Mai, nach Hameln. Ab 20 Uhr liest er in der Sumpfblume aus seinen Werken vor. Julia Marre sprach vorab mit ihm.

veröffentlicht am 01.05.2011 um 12:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 20:21 Uhr

kaminer
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Hameln. Zur Integrationsdebatte kann Wladimir Kaminer einiges beisteuern. Seine humorvolle Schilderung der russischen Volkspost zum Beispiel. Die ist in seinem neuen Roman „Meine kaukasische Schwiegermutter“ nachzulesen. Mit dem Buch und neuen Texten kommt Kaminer am Donnerstag, 5. Mai, nach Hameln. Ab 20 Uhr liest er in der Sumpfblume aus seinen Werken vor. Julia Marre sprach vorab mit ihm.

Herr Kaminer, Ihr letzter Besuch in Hameln ist fünf Jahre her. Damals sprachen wir im Interview anlässlich Ihres Romans „Küche totalitär“ über Kartoffelsuppe – seither ist viel passiert.
Ja, ich habe etliche andere Bücher geschrieben. Gestern habe ich mich sogar gefragt, ob es nicht vielleicht viel zu viel ist? Ich beeile mich eben, bevor der Buchmarkt im digitalen Fluss untergeht.

Meinen Sie, das wird geschehen?

Ich glaube zumindest, dass irgendwann ein Junge mit einem Bleistift ein Gedicht auf ein Stück Papier kritzeln wird und dann alles von vorne anfängt.

Sie glauben, dass wir ein gänzlich papierloses Leben führen werden?

Ich habe mein halbes Leben in einem papierlosen Land verbracht – 23 Jahre lang. In meinem Bezirk gab es eine Buchhandlung, die hieß „Sonnenuntergang“. Aber dort gab es nur Bücher wie „33 Helden der Sowjetunion“. Richtige Bücher wurden einem in der Schule unter der Bank gereicht. Das waren abgetippte Kopien von Romanen und anderem. Dadurch hatte damals das geschriebene Wort eine ganz andere Bedeutung als heute. Mittlerweile stehen in Russland regale mit einer unendlichen Menge an Covern, es gibt Agenten von Verlagen, die das Interesse der Buchhändler wecken wollen.

Also wie hier: ein Riesenmarkt, in dem das einzelne Buch in der großen Fülle untergeht …?
Ein Riesenmarkt, der von Konzernen beherrscht wird. Zahlen spielen dort eine Rolle. Was diese Konzerne verkaufen, ist ihnen egal. Papierbücher werden das Feld räumen. Auch wenn es natürlich ganz kleine, unabhängige und projektgeführte Verlage gibt, in denen die Poesie wieder aufblüht und wo mit viel Leidenschaft gearbeitet wird. Ich glaube, dass die Entwicklung so sein wird. Und alles, was geschieht, geschieht zum Besseren. Wir sollten über die Tragödie des Lebens einfach nur lachen, um uns aufzuheitern.

Oder vielleicht einen Blick in Ihre Bücher werfen, die prägnante Situationen aus dem Alltag humorvoll schildern?

Zum Beispiel, ja. Es geht in meinen Büchern ja immer um dasselbe: um Menschen, die ich kenne, um Orte, die ich besuche, und um Gerichte, die ich gern esse. Das ist meine Welt. Mein nächstes Buch wird „Liebesgrüße aus Deutschland“ heißen. Das ist genauso – nur noch besser.

Inwiefern?

Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen in Deutschland sehr gereizt sind. Starke treten einfach auf Schwache ein. Ich dachte, es wäre angebracht, wenn ich ein durchaus sehr kritisches Buch schreibe. Darin nehme ich die Eigenheiten aller auf die Schippe: von Deutschen und auch von Ausländern. Das Buch fordert Liebe statt Hass. Es ist ein Aufruf zur Solidarität.

Es geht also um die Themenlawine, die Thilo Sarrazin mit seinem Buch losgetreten hat?

Ja. Egal, ob Touristen, Ausländer oder Bankdirektoren – immer sucht man in Deutschland nach einer Gruppe, die den Frieden der Gesellschaft stört. Dabei ist es doch eher wie im Tango: Es gehören immer zwei dazu, die gemeinsam lernen. Stattdessen herrscht oft nur das Prinzip „Wen schmeißen wir zuerst über Bord?“

Werden in dem Buch Ihre Familie und Freunde wieder eine große Rolle spielen?

Logisch! Ich kann ja nicht mit ausgedachten Figuren eine Geschichte erzählen …

Also ist gar nicht so viel Fiktion im Spiel, wenn Sie von Ihrer Frau oder Schwiegermutter schreiben?
Nein, es ist nicht ordentlich dazugeschummelt. Natürlich findet eine künstlerische Übertreibung statt. Ich glaube aber, in der Realität ist Angeberei immer ein Thema. Und Familie ist ja auch ein weitgehender Begriff: Dazu gehören nicht nur Mama, Papa und ich. Manche Menschen verstehen sich selbst nicht, weil ihnen zu viele Beziehungen verloren gehen.

Sie scheinen stattdessen sehr kontaktfreudig zu sein. Sind Sie eigentlich ein guter Schwiegersohn?
Ich weiß nicht. Aber ich glaube schon, ja.

Wie reagieren Ihre Freunde und Verwandten auf Ihre Bücher, in denen sie selbst ständig auftauchen?
Durch mein Schwiegermutter-Buch, das im Kaukasus spielt, sind alle Beteiligten sehr glücklich. Immerhin existieren jetzt alle Bewohner des kaukasischen Dorfes als literarische Figuren. Es ist ein sehr kleines Dorf mit nur einem Dutzend Haushalten. Ich habe dort einen Film gedreht, den ich übersetzt und dort verteilt habe.

Dann sind Ihre Bücher ja beinahe eine Art Familienchronik, oder?

Sozusagen, ja. Ich komme ursprünglich aus einer sehr kleinen familiären Sozialistenzelle: Vater, Mutter, Kind und Katze. Meine Frau hat eine große Familie. Was eine Familie schafft, ist eine Kultur des Erinnerns. Je mehr man davon hat, umso reicher ist man auch. Man kann sich besser orientieren und sich selbst finden.

Sich selbst kann man oft auch bei Google finden, im Internet.

Wer nur in Facebook und anderen Netzwerken lebt, ist doch hypnotisiert von einer fremden Welt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt