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Theater, das Brecht so nie gewollt hätte: „Mutter Courage und ihre Kinder“ in Hameln

Hyäne des Schlachtfelds

Hameln. Ausgerechnet er, Brecht, der das Theater umkrempelte wie kein anderer, ja revolutionierte – das „epische Theater“ schuf – ausgerechnet er immer wieder museal angestaubt. Und ginge es nach seinen Erben: Brecht und seine Modellbücher in Beton gegossen. Und jetzt das – die „Courage“ am Montagabend mit einer entfesselten Theatertruppe auf Comic-Trip. Kontrastprogramm der nicht ganz so prickelnden Art und so ziemlich das Gegenteil dessen, was sich Brecht so unter Theater vorstellte. Und genau so garantiert nicht wollte.

veröffentlicht am 23.02.2016 um 19:14 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:26 Uhr

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Autor:

Richard Peter
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Natürlich muss auch ein Brecht – und gerade er – immer wieder neu erfunden werden. Nur eines sollte immer im Vordergrund stehen: die Fabel, die einfach erzählt werden will – und das möglichst intelligent – und natürlich will auch Brechts Theater unterhalten. Nur eines sollte es nie sein: Klamauk, der alles überdeckt, was seine Stücke ausmacht. Vor allem „Mutter Courage und ihre Kinder“ und ihr Irrtum, zu glauben, dass sie am Krieg verdienen könnte, ohne Opfer bringen zu müssen. Am Schluss zieht sie ihren Wagen – real oder wie hier: imaginär – allein. Ohne ihre drei Kinder, die sie sinnlos geopfert hat. Und wieder hinter einem Regiment her. Eine Marketenderin im Widerspiel zwischen Profit und Tod. Eine Unbelehrbare. „Verflucht sei der Krieg“ sagt sie immerhin beim Tod ihrer Tochter Kattrin – aber auch „Ich lass mir den Krieg von euch nicht madig machen“. Unverdrossen setzt sie weiter auf ihren so gnadenlosen Ernährer, der ihr alles genommen hat. Brecht urteilt nicht, will, dass das Publikum seine Schlüsse zieht. Natürlich die richtigen.

Ärgerlich, dass Bettina Montazem ihre Inszenierung mit dem „Theater die Baustelle“ aus Köln so konsequent gegen Brecht an die Wand fährt. Nicht genau die Texte liest, die Szenen nach ihrem Inhalt abklopft und so neu interpretiert. Stattdessen auf oberflächliche Gags setzt – ein paar Veitstänze, erstarrte Bilder, Slapsticks, Action um der Action willen – aber dann auf Eilifs spektakulären „Säbeltanz“ verzichtet. Und die berühmten Lieder von Paul Dessau – ob „Das Lied vom Fraternisieren“, „Das Lied von der großen Kapitulation“ oder wenn es um den „weisen Salomon“ geht – alles verschenkt. Fast schon versenkt. So elend, ungekonnt dürfen Brecht-Songs nicht vergeigt werden. Da fehlt es schlicht an allem.

Dennoch lag es nicht am Ensemble, dass die Aufführung so wenig Freude bereitete. Doris Otto könnte durchaus eine Mutter Courage sein – die Julia Knorst eine respektable Kattrin und auch Richard Bargel als Koch, Markus Rührer als Feldwebel und Frank Watzke als Feldprediger – sie alle auch in Kleinstrollen – und alles Schauspieler, die ganz anders könnten. Auch Lena-Sabine Berg als Yvette, Jaspar Schmitz als Eilif und Maximilian Pulst als Schweizerkas.

Schade, dass ausgerechnet diese „Courage“, die sich so wenig dazu eignet, von den Schulen gebucht wurde. Die Lehrer werden mit Engelszungen reden müssen, um Brecht zu rehabilitieren. Und sei es nur, dass die Schüler, die reihenweise vorzeitig Leine zogen, auch künftig noch einen Brecht sehen wollen.

Respektable Schauspieler, misslungene Inszenierung: Doris Otto als Mutter Courage.

Foto: Meyer Originals



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