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"Hoppe bleibt eben Hoppe": Die Schriftstellerin über ihre fiktive Biografie

Was, wenn die Geschwister nicht Realität, sondern nur eine Sehnsucht sind? Und wenn die Heimat keine Heimat ist, sondern bloß ein Traum? Felicitas Hoppe, Rattenfänger-Literaturpreisträgerin 2010 und gebürtige Hamelnerin, hat darüber nachgedacht – und daraus ein Buch gemacht. „Hoppe“ heißt der soeben erschienene und schon viel diskutierte Roman, den die Schriftstellerin bei der Leipziger Buchmesse vorstellte. Julia Marre hat mit ihr gesprochen.

veröffentlicht am 22.03.2012 um 11:17 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 06:41 Uhr

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Von Julia Marre

Hameln/Berlin. Was, wenn die Geschwister nicht Realität, sondern nur eine Sehnsucht sind? Und wenn die Heimat keine Heimat ist, sondern bloß ein Traum? Felicitas Hoppe, Rattenfänger-Literaturpreisträgerin 2010 und gebürtige Hamelnerin, hat darüber nachgedacht – und daraus ein Buch gemacht. „Hoppe“ heißt der soeben erschienene und schon viel diskutierte Roman, den die Schriftstellerin bei der Leipziger Buchmesse vorstellte. Darin entwirft sie ihre Biografie neu, verbringt ihre Kindheit in Kanada und verliebt sich in den jungen Eishockeyspieler Wayne Gretzky.

Frau Hoppe, wann waren Sie eigentlich das letzte Mal Schlittschuhlaufen?
Das war am Neujahrstag 2008, im Central Park in New York. Auf geliehenen Schlittschuhen allerdings. Zuhause in Berlin habe ich zwei Paar eigene – dafür habe ich damals mein erstes Lesungshonorar in Schweden auf den Kopf gehauen. Das war 1996.


In Ihrem neuen Roman „Hoppe“ entwerfen Sie sich eine ganz neue Biografie und wachsen schlittschuhlaufend in Kanada statt - eine Ratte verkörpernd im Rattenfängerspiel - in Hameln auf. Warum?
In erster Linie natürlich, weil es Spaß macht. Und weil das, glaube ich, fast alle Leute machen. Wir alle wünschen uns hin und wieder ein anderes Leben, als Wunsch, als Traum. Nur dass die meisten von uns keine Zeit haben, das aufzuschreiben.

Sie möchten damit also nicht Ihre Herkunft leugnen?
Ganz im Gegenteil. Ich liebe meine Heimatstadt Hameln, und wer das Buch liest, wird rasch merken, dass es neben allen Hoppephantasien vor allem eine große Liebeserklärung an meine Geburts- und Heimatstadt ist!

Dann möchten Sie vielleicht herkömmliche Biografie-Schreiber aufs Korn nehmen?
Das schon eher. Denn manchmal beschleicht mich das leise Gefühl, dass in all den Biografien, von denen wir überschwemmt werden, mehr Unwahrheiten geschrieben werden, als man erfinden kann.

In „Hoppe“ berichten Sie nicht in der Ich-Perspektive aus Ihrem (fiktiven) Leben, sondern ein außen stehender Beobachter übernimmt das. Was hat Sie daran gereizt, Ihr Leben aus dieser Distanz zu betrachten?
Distanz ist ein gutes Mittel, um ehrlich zu sein. Nur wer in der Lage ist, sich auch mal von außen zu betrachten, sich als einen anderen/eine andere zu sehen, kann wirklich etwas über sich sagen. Es hilft, sich in eine andere Landschaft zu stellen – so wie man auf Reisen plötzlich viel besser erkennt, wer man ist, weil man aus der normalen Routine herausfällt.


Wären Sie tatsächlich gern ein Einzelkind gewesen, wie Sie es in „Hoppe“ sind?
Nein. Wie man sieht, ist das Einzelkind in ’Hoppe‘ ja auch nicht glücklich, sondern erfindet sich im Roman ’vier Hamelner Geschwister‘, auf die es keinesfalls verzichten möchte!

Felicitas Hoppes bester Freund im Roman ist der Nachbarsjunge, der spätere Eishockeyspieler Wayne Gretzky, den es im wahren Leben auch gibt. Wieso gerade Wayne Gretzky?
Als ich das erste Mal ein Kinderbild von Wayne Gretzky sah, war das Liebe auf den ersten Blick – er sieht auf dem Bild einfach magisch aus. Eine Mischung aus kleinem Ritter und Engel. Da war mir klar: der muss mit in mein Buch, muss Teil meiner Traumgeschichte werden. Außerdem ist er nun mal der beste der Besten!

Bei der Verleihung des Rattenfänger-Literaturpreises, den Sie im Herbst 2010 erhielten, haben Sie bereits einen Auszug aus dem Roman vorgelesen - war das eine frühe Fassung, ein Test für die Heimatstadt?
Ein richtiger Auszug aus dem Text war das nicht, aber die Idee war schon da, und sie passte wie die Faust aufs Auge, denn ’Hoppe‘ ist ja auch eine Hommage an den Rattenfänger. Als Test war das allerdings nicht gedacht, ich bin ja keine Lehrerin und die Hamelner nicht meine Schüler – dazu sind sie viel zu klug, die lassen sich nicht an der Nase herumführen.

Was können Hamelner bei der Lektüre Ihres surrealistischen Romans dazulernen?
Vielleicht etwas über die Freiheit der Selbsterfindung und über die Freude am Aufbruch, der uns hinterher wieder freudig in die Heimat zurückkehren lässt. Und etwas darüber, dass wir am Ende aller noch so verrückten Geschichten doch wieder dort landen, wo wir herkommen und hingehören: zuhause nämlich. Und dass wir, egal vor welche exotischen Landschaften wir uns stellen, doch bleiben, wer wir sind. Das ist so beunruhigend wie tröstlich zugleich: Hoppe bleibt eben Hoppe.

- Felicitas Hoppe: „Hoppe“, 336 Seiten, Fischer Verlage, 19,99 Euro



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