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Produzenten-Duo macht Musik für Curse und Die Fantastischen Vier

Hitnapperz: „Wir hören auf niemanden!“

MINDEN. Beim letzten Treffen mit der Dewezet steckte die Musik der Hitnapperz noch in den Kinderschuhen. Fünf Jahre später haben sie das neue Curse-Album und die neuste Single-Auskopplung der Fantastischen Vier maßgeblich mitproduziert. Ein Besuch im Studio von Toni und Ricco Schönebeck.

veröffentlicht am 09.04.2018 um 18:34 Uhr
aktualisiert am 14.04.2018 um 13:07 Uhr

Von Beatbauern zu Musikproduzenten: Toni (li.) und Ricco Schönebeck. Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Ein schwarzer Mercedes, CLK Avantgarde, fährt vor der Studioadresse in der Innenstadt vor. „MI-TS“ steht im Kennzeichen. TS steht für Toni Schönebeck alias Big Toni. Der charismatische 33-Jährige steigt auf der Fahrerseite aus, sein sechs Jahre jüngerer Bruder Ricco auf der Beifahrerseite. Beide sind fast ganz in Schwarz gekleidet: schwarze T-Shirts, schwarze Hosen. „Hitnapperz“ ist dezent auf Riccos Shirt zu lesen. Toni hebt einen noch verpackten Monitor aus dem Wagen. Ihr Studio befinde sich gerade im Umbau, erzählen sie auf dem Weg zu dem Kellerraum. Vor der Hauswand sitzen ein paar Musiker der Band Animi Vox, die dort ihren Proberaum hat, genießen die Abendsonne.

Im Studio der Hitnapperz gibt es zwar so gut wie kein Sonnenlicht. Sehr warm ist es in dem etwa 30 Quadratmeter großen und mit Schaumstoff verkleideten Raum trotzdem. Als Erfrischung bieten die Brüder dem Gast einen Energydrink an, dessen namhafter Hersteller sie sponsert und mit einem Kühlschrank ausgestattet hat. An einem Tisch in einer Sofaecke setzen sie sich in ihre Bürostühle und erzählen … 

Die Gebrüder Schönebeck verbringen ihre Kindheit beziehungsweise Jugend in Bärenkämpen, einem in den 60er Jahren errichteten Neubaugebiet. Laut Wikipedia leben dort über 50 Nationalitäten, ein Viertel aller unter 18 Jahre alten Mindener wohne dort. Das Rap-Duo Italo Reno und Germany ging aus Bärenkämpen hervor. Die Wege der Rapper und Toni kreuzen sich früh, im Jugendhaus Geschwister Scholl. Doch anstatt für Rap begeistert sich der damals 13-Jährige vor allem für Breakdance. Er trainiert viel und hart – und wird zu einem international bekannten B-Boy. Mehrmals gewinnt er den renommierten Breakdance-Wettbewerb „Battle of the Year“, sitzt in Jurys, gibt Unterricht … Alles nebenbei. Hauptberuflich arbeitet Toni Schönebeck als Immobilienkaufmann.

Vor fünf Jahren berichtete die Dewezet über den B-Boy Toni Schönebeck alias Big Toni. Repro: Archiv
  • Vor fünf Jahren berichtete die Dewezet über den B-Boy Toni „Big Toni“ Schönebeck. Repro: Archiv

Um 2016 lässt er das Training ausschleichen. „Ich war zufrieden und satt“, sagt er über das Ende seiner Tänzer-Karriere. An die Stelle des Tanzens ist ohnehin zunehmend die Musik getreten. Auf Breakdance-Veranstaltungen legt er immer mal wieder als DJ auf, für eigene Tanzeinlagen nimmt er Mixtapes auf. „Mit dem Produzieren mach ich jetzt nur das, was mir damals als Tänzer gefehlt hat“, sagt er. Die Beats, die bei Wettbewerben aufgelegt werden, sind ihm meist nicht hart genug. Das will er ändern.

Sein Bruder Ricco sitzt da schon seit ein paar Jahren hinter den Reglern, schraubt Hip-Hop-Beats in seinem Kinderzimmer. Später studiert Ricco Elektrotechnik, macht seinen Master in Informatik. „Programmieren ist wie Musikmachen – nur anders“, sagt der 27-Jährige. „Ich vergesse dabei die Zeit.“ Er arbeitet als Software-Entwicklungs-Ingenieur.

Mit Anfang 20 erreichen Ricco über MySpace erste Anfragen aus Berlin, er bekommt Aufträge von Rappern aus dem Dunstkreis des einstigen Labels Aggro Berlin. Erste Aufnahmen entstehen in seinem Studio in der Minderheide. 2013 schließen sich die Brüder zu den Hitnapperz zusammen.

2014 kommt Sido-Kompagnon B-Tight für Aufnahmen nach Minden, das Studio der Hitnapperz befindet sich inzwischen in der Innenstadt. Ein Großteil der Produktion des Albums „Retro“ entsteht dort. Ende 2016 macht im Internet ein Video von Bass Sultan Hengzt die Runde, in dem er aus lauter Begeisterung für einen Beat einen Laptop kaputtschlägt. Es ist ein Beat der Hitnapperz, wie Toni feststellt. Er tritt mit dem Rapper in Kontakt – in der Folge produzieren die Hitnapperz drei Singles des Albums „2ahltag: Riot“.

Die Hitnapperz machen sich einen Namen. Weitere Zusammenarbeiten, wie etwa mit Eko Fresh, Blokkmonsta  oder Olexesh, folgen. Für den Rapper Eno von Xatars damaligem Label Kopfticker Records produzieren sie 2016 den Track „Fuchs“. Aber auch an der Basis weiß man das Handwerk der Mindener zu schätzen. Italo Reno und Germany schlagen im Studio auf, probieren sich auf den Beats der zwei. Über Germany erfährt das Mindener Hip-Hop-Urgestein Curse von der Arbeit des Produzenten-Nachwuchses. Im Herbst 2016 kommt er bei einem Besuch in seiner Heimatstadt im Studio vorbei. Die Chemie stimmt – so sehr, dass Curse mit ihnen sein neues Album produzieren will. Für die Hitnapperz ein großer Schritt. „Die Arbeit mit Curse hat uns dafür geöffnet, offen für alles zu sein“, sagt Ricco. Aus dem Nebenraum dringt der Indie-Rock von Animi Vox ins Studio.

Anders als Toni, der Curse schon seit seinem 13. Lebensjahr persönlich kennt, ist Ricco erst acht Jahre alt, als 2000 Curse‘ – längst zum Klassiker avanciertes – „Feuerwasser“-Album erscheint. Curse ist ihm zwar ein Begriff, aber seine Musik muss er sich erst erschließen – von „Feuerwasser“ bis zum letzten Album, dem seichten „Uns“ (2014). In diesem Zuge kommt er nicht an „Flashpunks“ vorbei, dem einzigen und bis heute geschätzten Album der Mindener Gruppe Der Klan aus dem Jahr 2000. „Das habe ich besonders gefeiert“, sagt Ricco. „Das Dreckige von Lord Scan (Produzent, Rapper und Kopf des Klans; Anm. d. Red.), das musste in das neue Album wieder mit rein.“ Das trifft sich. Curse will, wie die Schönebecks erzählen, dass das neue Album eine Synthese aus „Feuerwasser“ und „Uns“ wird. Am deutlichsten wird diese Synthese wohl in dem Song „Paralleluniversen“, der auf einem Drum-Loop von Lord Scan aufbaut. Vor diesem Hintergrund und im Wissen um die tiefe Freundschaft, die Curse und Lord Scan mal verband, drängt sich der Gedanke auf, dass das Lied von eben dieser Freundschaft handelt …

Die Produktionsweise jedenfalls von „Die Farbe von Wasser“, wie das Curse-Album heißen wird, ist für die Hitnapperz neu. „Sonst hat man einen Beat gebaut, der Rapper hat drauf gerappt, und fertig war der Song“, schildert Ricco. Hier wird Hand in Hand gearbeitet. Curse lässt Musik einspielen, Gitarren, Klavier, Drums von den Beatgees, die Hitnapperz resamplen die aufgenommenen Sequenzen, bearbeiten sie. „Wir haben den Sound dann digital durch den Dreck gezogen“, sagt Ricco. Aus den Beat bauenden Hitnapperz werden Musikproduzenten. „So steht es ja auch auf dem Album: Produced & Executive Produced by Curse & Hitnapperz“, sagt Toni. Als „Die Farbe von Wasser“ im Februar erscheint, landet das Album auf Platz 2 der deutschen Charts. Big Minden!, heißt es in einem alten Schlachtruf von Curse & Co.

Man könnte auch sagen, Minden first. Curse verschafft den Hitnapperz die Möglichkeit, zwei Ideen bei den Fantastischen Vier einzureichen. Zehn Tage haben sie Zeit, dann schicken sie die Ergebnisse ein. Die Fantas beißen an, einen Beat wählen sie aus. Monate später der Anruf: Der mit den Fantas ausgearbeitete Song kommt aufs Album. Wieder warten. Dann erscheint er sogar als Single. Am Sonntag erreicht „Zusammen“ Platz 1 der iTunes-Charts.

Manche verstört die neue Bandbreite der Hitnapperz, die von hartem bis poppigem Rap reicht. „,Ihr könnt Euch wohl nicht entscheiden, was für Musik Ihr machen wollt?!‘, wurden wir in den letzten Wochen öfter gefragt“, sagt Toni. Dann kommt der B-Boy wieder in ihm durch: „Aber wir hören auf niemanden!“ Sein Bruder pflichtet ihm bei. „Es geht echt einfach nur um Musik“, sagt Ricco.



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