weather-image
17°
Der Theaterautor spricht über sein Schauspiel und Kritik

Herr Stockmann, warum lesen Sie nie Rezensionen?

Hameln. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung feiert ihn als „neue Lieferantenhoffnung auf dem großen Theatermarkt“: Nis-Momme Stockmann, Jahrgang 1981, erhält 2009 beim Heidelberger Stückemarkt für sein Schauspiel „Der Mann der die Welt aß“ den Haupt- und den Publikumspreis. Im selben Jahr gewinnt er beim Berliner Theatertreffen den Werkauftrag des Stückemarkts. Morgen zeigt das Landestheater Castrop-Rauxel am Theater Hameln sein Schauspiel „Der Mann der die Welt aß“.

veröffentlicht am 08.03.2012 um 16:57 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 14:21 Uhr

270_008_5304311_ku101_0903.jpg

Autor:

Julia Marre
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Herr Stockmann, wie ist es eigentlich zu sehen, was andere aus einem Produkt der eigenen Fantasie machen?

Das ist ja gewissermaßen das Konzept von Theater; Theater ist per se als Medium eine Gemeinschaftsproduktion. Der Text ist erst mal nichts weiter als ein Text. Natürlich ist es für mich als Autor manchmal schwierig zu sehen, was ein Regisseur daraus macht. Aber das ist vielleicht meine eigene Befindlichkeit.

2009 ist Ihr Stück „Der Mann der die Welt aß“ in Heidelberg uraufgeführt worden. Wie viele Inszenierungen haben Sie seither davon gesehen?

Ich hab eigentlich nur eine davon gesehen: nämlich die Uraufführung in Heidelberg. Und dann noch eine Lesung in Kopenhagen, aber das war’s. Die Münchner Inszenierung hätte ich sehr gern gesehen, habe sie aber leider verpasst.

Werden Sie als Autor überhaupt informiert, wenn ein Stück von Ihnen an Theatern geprobt und aufgeführt wird?

Gelegentlich schreibt mir jemand über Facebook, lädt mich über meinen Verlag zur Premiere ein. In der Regel versuche ich auch, diesen Einladungen zu folgen. Beim „Mann“ hat das nicht immer geklappt. Aber ich reise schon verhältnismäßig viel für einen Schriftsteller.

In Ihrem Schauspiel „Der Mann der die Welt aß“ geht es um Orientierungslosigkeit, um Gier und Demenz – Themen, die einem permanent begegnen …

Aber ich schreibe ja keine Themenstücke. Mir würde nie einfallen, über Gier zu schreiben. Ich schreibe auch keine Diskursstücke, sondern ich erzähle Geschichten in einer Familie. Wenn man sagt, man schreibt über Demenz, klingt das so ZDF-fernsehfilmartig, so didaktisch. Ich überlege nicht: Über welches Thema schreibe ich heute? Ich lese übrigens auch keine Rezensionen in Zeitungen.

Warum das nicht?

Weil’s mir zu blöd ist. Es ärgert mich, dass Leute, die schlechte Autoren sind, über andere Autoren urteilen. Diese Tatsache finde ich ebenso indifferent wie das deutsche Pressebild. Journalisten haben oft viel zu wenig Raum und Zeit, sich mit den Dingen zu befassen. Kulturressorts werden runtergekürzt, Feuilletonredakteure schreiben nebenbei über Agrarkongresse …

Interessiert Sie denn, wie das Publikum auf Ihre Stücke reagiert?

Ja, natürlich. Es ist auch schön zu sehen, wie das Publikum reagiert. Es ist nicht das, wofür ich lebe. Das Schreiben der Texte an sich erfüllt einen hohen Selbstzweck. Mir geht es eher ums Lesen und Schreiben. Generell haben wir eine sehr harte Theaterkultur in Deutschland. Es gehört zum Theaterbesuch dazu, sehr, sehr kritisch zu sein. Das ist im Übrigen sehr deutsch. Gerade war ich für einen Monat in Japan – dort ist das vollkommen anders. Auch bei den Mülheimer Theatertagen habe ich diese Offenheit geschätzt. Die Leute sind dorthin gekommen wegen einer Inszenierung, wegen eines Autors oder eines Regisseurs. Manche sind extra für das zweistündige Publikumsgespräch mit dem Autor hergekommen. Da gibt es nicht so eine innere Abwehrhaltung, sondern eine Form von Begeisterungsfähigkeit, eine Haltung, die mir auch in Japan begegnet ist. Anders beim Heidelberger Stückemarkt: Dort hatte ich im Publikumsgespräch das Gefühl, ich müsste mich für mein Stück verteidigen.

Dennoch haben Sie dort ganz gut abgeräumt …

Na ja, was heißt das: abgeräumt? Ich habe 10 000 Euro bekommen, was echt schön war. Darüber habe ich mich sehr gefreut. Trotzdem steht es in keinem Verhältnis, ein Theaterstück zu schreiben für das, was man an einem deutschen Theater für eine Uraufführung bekommt.

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare