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Denglisch auf die Schippe genommen

Heavy on Wire im Hamelner Kunstkreis

HAMELN. Wenn die Nacht zur Night, der Tag zum Day wird, der Punkt plötzlich ein Point ist und für Sommerzeit Summertime steht, befinden wir uns sozusagen zu Gast im eigenen Sprachraum. Die Ausstellung „Denglisch in Karikaturen“ von Friedrich Retkowski im Hamelner Kunstkreis gibt einen Eindruck davon.

veröffentlicht am 16.07.2017 um 20:59 Uhr

Horizonterweiterung Zeichnung: Retkowski
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Autor

Richard Peter Reporter
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Sprache als Tummelfeld der Anglizismen, die gewissermaßen metastasieren, sich immer mehr ausbreiten. Ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Und alles andere als neu. Schon Goethe forderte von den Sprachsäuberern seiner Zeit, ihm beispielsweise „Pedant“ zu verdeutschen. Im „Faust“ heißt es gegenüber Mephisto: „Auch was Geschriebnes forderts du, Pedant?“

Die Krux, die auch ein Kreuz sein könnte und oft genug eines ist: ob Latein, Französisch oder Englisch – nichts als Abgrenzung. Eine Art sprachlicher Porsche vor der Haustür. Dazu gehören auch Euphemismen als beschönigende Bezeichnungen, die aus einer schlichten Empfangsdame eine bedeutende Front Office Managerin machen. Hier wird, wie es Marc-Alexander Glunde in seiner Einführung erklärte, „die Sprache selbst zur Karikatur“.

Schon im Mittelalter grenzten sich Wissenschaftler und Alchimisten vom Plebs, dem schlichten Volk, mit Latein ab, die Kirche dito, also ebenfalls. Und wie Tolstoi in seinem Roman „Krieg und Frieden“ schreibt, musste der russische Adel, als Napoleon 1812 den „vaterländischen Krieg“ provozierte, erst Russisch lernen. Man sprach in den besseren Kreisen schlicht Französisch.

Karikaturist Friedrich Retkowski spricht zur Eröffnung der Ausstellung im Hamelner Kunstkreis. Foto.: Wal
  • Karikaturist Friedrich Retkowski spricht zur Eröffnung der Ausstellung im Hamelner Kunstkreis. Foto.: Wal
Deutsche Lightkultur Zeichnung: Retkowski
  • Deutsche Lightkultur Zeichnung: Retkowski

Man entkommt ihnen nicht, den so fremden Wörtern, die meist vertrauter sind als die eigenen. Selbst die Karikatur bezieht sich auf das italienische Verb caricare, das für „überladen“ steht, wie Marc-Alexander Glunde vom Verein Deutsche Sprache berichtete. Auf seiner Visitenkarte – wie soll man nur Visite übersetzen, wenn man nicht den Besuch des Arztes am Krankenbett meint – heißt es: „Leguan-Consult, Agentur/Akademie“ und als Berufszweig zwar richtig, aber auch nicht so richtig, deutsch: Dipl. Soz. Päd. / Medienpsych. Da wartet noch viel Arbeit auf einen Säuberer in Sachen Sprache.

So haben es die mit dem Zeichenstift, Farbe und Pinsel einfacher, die karikierend mit Schmunzeln auf Missstände hinweisen, wie Retkowski es ausdrückt. Mit „Satire als die schöne Seite des Ärgers“. Und das macht den Reiz dieser Ausstellung aus, die mehr als ein Sommerpausenfüller ist und mit 62 Bildern als gezeichnete Sprachkritik allemal für Heiterkeit sorgt. Ob der Hinweis „Oma, das ist Public Viewing“ von der alten Dame mit „Ach, herrje, ich dachte schon, das sei Fußball“ gekontert wird oder der Top-Manager die Aufforderung „please hold the Line“ wörtlich nimmt und verzweifelt die Telefonstrippe haltend „...verdammt nochmal: jaaa, und nun?“ knirscht – wir sind sozusagen vom Denglisch umzingelt und im besten Fall „heavy on Wire“, wie schon Blödelbarde Otto verkündete: „schwer auf Draht“, auch wenn das mit Denglisch nur periphär, also am Rande, zu tun hat.

Eine heiter-besinnliche Ausstellung, die sich der Hamelner Kunstkreis da ins Haus geholt hat und mit der er für Stimmung sorgt. Schon bei der Eröffnung wurde nichts so ganz ernst genommen vom erfreulich vielzähligen Publikum. Ein sympathisch gefülltes Sommerloch, wie es in dieser Zeitung mit Blick auf die laufende Artikelserie auch heißen könnte.

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