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Wie Peer Kusmagks Krönung das Trash-TV-Format entlarvt

Hat im Dschungel etwa die Ehrlichkeit gesiegt?

Mit Trash-Formaten erreichen Fernsehsender die breite Masse. Das wissen nicht nur Medien- und Fernsehwissenschaftler. Sondern auch Programmgestalter, Moderatoren, mitspielende Promis und Otto-Normalzuschauer. Liebhaber der Hochkultur dürfen am Samstagabend also mit noch so verschränkten Armen und pikiertem Blick vor dem ausgeschalteten Fernseher gesessen haben. 8,93 Millionen Zuschauer in deutschen Wohnzimmern haben ab 22.15 Uhr eine angebliche Liveschaltung in einen angeblichen australischen Dschungel verfolgt. Zeitweise waren es sogar 9,9 Millionen Menschen, wie die RTL-Medienforschung gestern mitteilte. Das entspricht einem Marktanteil von 34,3 Prozent. Kein Wunder: Sehenswerte Unterhaltung gab es auf anderen Kanälen ja auch nicht.

veröffentlicht am 30.01.2011 um 19:09 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 03:41 Uhr

Autor:

Julia Marre
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Das erfolgreiche TV-Format ist ebenso wie „Das perfekte Promi-Dinner“ oder „Frauentausch“ eine rundum inszenierte Show. Das weiß jeder, der einen Mehlwurm von einem Erdnussflip unterscheiden kann. Was ist echt? Was inszeniert? Im besten Fall hinterfragen das die Zuschauer – wenn sie von all dem Ekel, der ihnen in den Dschungelprüfungen serviert wird, nicht zu sehr abgelenkt werden. Dass gerade am Thema Inszeniertheit die Gruppe der „Prominenten“ in der jüngsten Staffel zerbricht und sich zerstreitet, ist irrwitzig. Dass auch noch Peer Kusmagk als einer der wenigen, die als aufrichtig und ehrlich dargestellt wurden, zum Dschungelkönig gekrönt wird, ist blanke Ironie. Und es entlarvt aufs Schönste das Format der Sendung. Die nämlich lebt ja davon, dass die campierenden Schauspieler und Medienprofis sich selbst inszenieren, performen, überreagieren und nur so tun als ob.

So erschreckend die Dschungelsucht des Fernsehpublikums auch ist – so beruhigend ist es doch, dass der menschlichste aller Camp-Bewohner den hölzernen Thron erklimmen durfte. Für ihn haben immerhin 69,77 Prozent der Zuschauer angerufen. Und schon seit vergangenem Dienstag, als die als Model titulierte Sarah Knappik die Show verließ, war der 35-jährige Moderator und Schauspieler seinen Camp-Kollegen in der Zuschauergunst bei weitem überlegen. „Scheinbar haben die Zuschauer toleriert, dass ich einfach nur ehrlich war“, wertet Kusmagk seinen Sieg. Wie viel seiner Ehrlichkeit gespielt war, vermag nur er ganz allein zu beurteilen.

Was das „Dschungelcamp“ zum Quotenhit macht, darüber diskutierten kürzlich nicht nur Medienmacher und Prominente in Markus Lanz’ Talkshowsesseln. Auch Medienwissenschaftler versuchen, den Hype zu erklären. Joan Kristin Bleicher von der Universität Hamburg nennt gleich mehrere Faktoren: Das „Dauerbeobachtungsprinzip wie in ‚Big Brother‘“ gehöre ebenso dazu wie die „Gameshow-Elemente“ und „medienkritische Comedy in den Kommentaren von Dirk Bach und Sonja Zietlow“. Die Show „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ trage laut der Medienwissenschaftlerin dazu bei, dass die Grenzen zwischen geschütztem privaten Lebensraum und Öffentlichkeit schwinden. Zudem wird natürlich suggeriert, dass der Zuschauer die Stars privat und ungeschminkt erleben kann. Dass Lügen auch unrasierte Beine haben können, zeigte RTL gestern erneut: Beim großen „Wiedersehen im Baumhaus“ konnten die Camp-Insassen ihr angeknackstes Image mit versöhnenden Worten überschminken. Soll das etwa schon wieder echt gewesen sein?



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