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„Die menschliche Stimme“ in der Cumberlandschen Galerie

Gut aufgelegte Mobilfunk-Oper

Hannover. Eine Frau nimmt an einem Tisch Platz, nippt an ihrem Glas Rotwein, dann klingelt ihr Handy. Eine Tragödie nimmt ihren Lauf – und wir alle sind (Ohren-)Zeugen. Allerdings durchaus freiwillig, denn wir werden nicht vom Handyalltag gepeinigt, sondern hören ganz absichtsvoll zu, was „Die menschliche Stimme“ zu sagen hat. Und weil die hannoversche Staatsoper für die Produktion in die gruselig-kuschelige Cumberlandsche Galerie ausgewichen ist, sind wir hautnah dabei.

veröffentlicht am 16.03.2012 um 14:07 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 13:21 Uhr

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Autor:

Rainer Wagner
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Francis Poulencs Operneinakter „La Voix humaine“ spiegelt das Scheitern einer Beziehung im Monolog der Verlassenen. Was der abtrünnige Liebhaber zu sagen hat, das erzählt zumindest andeutungsweise die Musik. 1930 hat Jean Cocteau diesen Text geschrieben, 1959 hat ihn Francis Poulenc vertont. Ihre gemeinsame „Tragédie-lyrique“ wirkt erstaunlich zeitlos. Nur ein Telefonkabel (das sich die Leidgeprüfte um den Hals legen kann) fehlt in unseren Mobilfunkzeiten.

Viele große Sopranistinnen von Karan Armstrong über Renata Scotto bis Anja Silja und Jessye Norman haben sich diese Herausforderung nicht entgehen lassen. In Hannover ist Arantxa Armentia die namenlose Liebende, die aus dem oft rezitativischen, frei deklamierenden Text ein kleines großes Drama macht: keine Nummer (mehr) unter diesem Anschluss.

Poulencs Musik ist mal lautmalerisch, mal distanziert. Sie untermalt die Kommunikationsprobleme der Frau. In Hannover erklingt die Klavierfassung, die schroffer wirkt als die gelegentlich einschmeichelnde Orchesterversion: Mzia Jajanidze, die sich vor Beginn der Tragödie als warmherzige Barpianistin präsentiert, meißelt die Klänge. Umso effektvoller, wenn sich dann doch einmal ein Walzerton einschleicht.

Der junge Regisseur Tobias Ribitzki und sein Solostar haben eine dichte Nacherzählung erarbeitet. Arantxa Armentia durchstreift den Barraum, sucht auf der Treppe nach einem besseren Handyempfang. Da sind die Pillen, dort ist die Drohung. Sie ist unterwürfig und anklagend, sie liebt und leidet – und alles macht sie intensiv.

Dieser Operneinakter wurde gerne mit anderen Werken kombiniert, etwa mit Gian Carlo Menottis „Das Telefon“, in dem ein Ferngespräch zum Happy End führt. In Hannover bleibt es beim Monolog: Eine starke Stunde!

Die weiteren Termine in der Cumberlandschen Galerie: am 27. März, am 11. und 18. April.



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