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Goethe in modernem Gewand: das Jugendstück „unterm w@sser“ im Hamelner TaB

Großer böser Wolf

HAMELN. Drei Stege, die zum Publikum führen – aber auch als Catwalks durchgehen könnten. Nach hinten begrenzt mit weißen Wänden. Nerviger Alltagstrott – der wiederholt wiederholt wird: „Mein Wecker klingelt, ich dreh mich weg.“Alltags-Rituale in der Familie, dann in der Schule – von Klingelzeichen zu Klingelzeichen – und auch der Rest: ritualisierte Öde. Bis Louis zufällig Zugang zum Lehrer-Intranet findet. Ein „gefundenes Fressen“ für Louis, dem er nicht widerstehen kann. Plötzlich Macht über Noten und Beurteilungen – Aufgaben, wie sie in den nächsten Arbeiten gestellt werden, sozusagen auf dem Tablett serviert.

veröffentlicht am 12.06.2019 um 15:23 Uhr
aktualisiert am 12.06.2019 um 19:43 Uhr

„unterm w@sser“ – ein Stück über jugendliche Sehnsucht nach Stärke und Macht. Foto: Martin Büttner
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Autor

Richard Peter Reporter

Es ist die alte Geschichte des Goethe'schen „Zauberlehrlings“ in modernem Gewand. Statt Wasser fließen nun Nachrichten durchs Netz, die Louis unter seinem Pseudonym Narzissus, dem Geliebten Apolls, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt, verbreitet. Die so traumhaft-traumatische Chose verselbständigt sich. Was als Chance ungeahnte Möglichkeiten eröffnet, wird zum Albtraum. Parallel dazu: Sedna – ein ganz normales Mädchen – deren Mutter allerdings bei einem Autounfall ertrunken war, leidet an einer fast zwanghaften Psychose. Ihr Ziel: sich möglichst lange „unter w@sser“ – der Titel des Stücks der beiden Autoren Andrèanne Joubert und Jean-Francois Guilbault – zu halten.

Als sich Louis‘ Schwester Eko auch noch in Narzissus verliebt, beginnt die Geschichte aus dem Ruder zu laufen. Eko – durch ein Nacktfoto, das von ihr durchs Internet geistert, zusätzlich belastet – wird bei einer Party, auch wenn das nicht direkt angesprochen wird, von einer Jungen-Gruppe vergewaltigt. Begeht Selbstmord in einem See, aus dem Sedna sie ans Ufer zerrt, die zuvor bei einer nächtlichen Demonstration in der Schule das „Rudel“ so aufheizt, dass es zu gewalttätigen Ausschreitungen kommt. Wie so oft bei Demos, wenn der Gruppenzwang die Situation außer Kontrolle geraten lässt. Wie nebenbei spielt auch die Wolf-Symbolik eine Rolle – der Verführungs-Mythos von Rotkäppchen, der immer auch ein sexuell geprägter war.

Tobias Schwieger als Louis, der sich in die Rolle des Helden katapultiert, eine Rolle, die ihm zusehends entgleitet. Marco Pickart Alvaro als Kunstfigur Narzissus – Louis‘ Kopfgeburt als alter Ego und Widerpart im angedeuteten Wolfskostüm, der immer wieder Eko für ihre Mails die Stimme leiht.

Die Seele der Aufführung, die vom Chef der „burghofbühne dinslaken“, Mirko Schombert, inszeniert wurde und am Mittwochvormittag zweimal im TaB (Theater auf der Bühne) zu sehen war: Lara Christine Schmidt, die gleichermaßen die stupiden Wiederholungen bedient, aber dann die so unterschiedlichen Gefühlslagen der Sedna ausspielt, betroffen macht. Eine ebenso sympathische wie hochbegabte Schauspielerin.

Ein aktuelles Problem – bei uns noch nicht ganz so virulent – hier ins Extreme getrieben. Eine neue Form des Umgangs, mit der noch niemand wirklich umgehen kann.



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