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Die Ausstellung „1914“ zeigt, wie die Folgen des Ersten Weltkriegs den Aufstieg der Nazis beflügelten

Granatsplitter zu Brieföffnern

Braunschweig. Es wird nicht richtig hell hier. Beklemmend düster ist es in den Bretterwandschluchten. Wie durch enge Schützengräben müssen sich Museumsbesucher vortasten, durch ein Labyrinth an Unterständen, vorbei an Dioramen von Schlachtfeldszenen. In Schubladen liegen Exponate wie die Feldpostbriefe Richard Adams: „Das ist ein großes Schlachten u. Morden, ein furchtbar wütendes Schrecknis“, schrieb der Wolfenbütteler 1914 von der Front. Bald darauf fiel er. Er wurde nur 23 Jahre alt.

veröffentlicht am 01.08.2014 um 18:22 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 17:21 Uhr

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Autor:

Simon Benne
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Mit einer atmosphärisch dichten Ausstellungsarchitektur und anhand von berührenden Einzelschicksalen erzählt das Braunschweigische Landesmuseum jetzt in der Ausstellung „1914“ vom Ersten Weltkrieg. Dieser war zwischenzeitlich offenbar so tief ins dunkle Vorgestern abgesunken, dass er jetzt auf breiter Front wiederentdeckt werden kann: Mehr als 200 Ausstellungen zu dem Thema gibt es in Deutschland in diesem Jahr. Mit einem Etat von 380 000 Euro ist „1914“ – neben Ausstellungen in Berlin, Stuttgart oder Dresden – eine der größten.

Den meisten Ausstellungen ist gemein, dass sie den Fokus von der Militär- und Diplomatiegeschichte hin zur Kleine-Leute-Perspektive verschoben haben. So auch „1914“: Im Mittelpunkt steht das Leben einfacher Soldaten und Zivilisten. Geduldsspiele aus den Schützengräben, Prothesen und Lazarettbinden sind hier zu sehen, ein Päckchen der Grabenzigarette „Salem Aleikum“ und Verdienstkreuze, die als Massenartikel ebenso industriell gefertigt wurden wie MG-Patronen. Dazwischen gibt es auch eher kuriose Stücke wie den Uniformrock des Kriegsschriftstellers Ernst Jünger oder das Fußpulver „Marsch Marsch“, das wundfüßige Soldaten wieder auf die Beine bringen sollte. Für den internationalen Vertrieb des Pulvers gab es die Bedienungsanleitung dazu auf Deutsch, Englisch und Französisch: Soldaten aller Länder, verarztet euch.

Rund ein Drittel der rund 700 Exponate – darunter Briefe und Fotoalben – kommt von privaten Leihgebern. So erzählt die Schau den Krieg aus der Perspektive von unten. „Storytelling“ nennen Ausstellungsmacher das. Und in Braunschweig führt das Museum so auch das vor, was Kurator Wulf Otte die „destruktiven Folgen der öffentlichen und privaten Erinnerung“ nennt.

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Nach dem Krieg kultivierten Kriegervereine eine nationalistische Gedenkkultur. Granatsplitter wurden zu Brieföffnern und Handgranaten zu Aschenbechern umfunktioniert. So hielten Relikte des Krieges als Souvenirs Einzug in deutsche Wohnstuben – und zugleich oft Thesen von der Dolchstoßlegende und revanchistische Gelüste. Zu den Tücken der Erinnerung gehörten das kollektive Beschweigen des Grauens und die selektive Erinnerung an immer wieder beschworene Fronterlebnisse. Heldenverehrung und Dolchstoßlegende bereiteten dem Aufstieg der Nazis den Boden.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, doch Braunschweig veranschaulicht in bemerkenswerter Weise, wie der Erste Weltkrieg zur Ouvertüre des Zweiten wurde. Die Schau zeigt auch durchlöcherte Feldflaschen und rostige Patronen – Funde von Archäologen, die seit den 1990er Jahren die Schauplätze des Krieges mit ihren Methoden erforschen. Und sie zeigt, wie sehr das Kriegsgedenken heute von Versöhnung geleitet wird. Es ist nicht egal, wie wir uns an Geschichte erinnern – das ist die Quintessenz dieser Ausstellung. Vielleicht ist es im Gedenkjahr ganz gut, sich auch daran zu erinnern.

Die Ausstellung „1914 … Schrecklich kriegerische Zeiten“ ist bis zum 25. Januar 2015 im Braunschweigischen Landesmuseum, Burgplatz 1, zu sehen: dienstags bis sonntags 10 bis 17 Uhr, jeden 1. Dienstag im Monat 10 bis 20 Uhr.



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