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„Und meine Pornos kommen ins Stadtmuseum München“: Das Gesamtkunstwerk Timm Ulrichs wird heute 75

Ganz aus dem Rahmen

Hannover. „In Hannover steigt man nicht aus“, sagt Timm Ulrichs. „Sondern um.“ Starker Tobak aus dem Munde eines Mannes, der seit 55 Jahren, wenn auch mit Unterbrechungen, in dieser Stadt lebt. Aber Timm Ulrichs ist eben ein Mensch im Übergang, ein Weltenbummler zwischen Kunst und Wirklichkeit, einer, der nicht zuletzt sein eigenes Leben zur Kunst macht. Denn dazu, genauer: zum „ersten lebenden Kunstwerk“ weltweit, hat sich der selbst ernannte „Totalkünstler“, ein Wegbereiter der Konzeptkunst und würdiger Dada-Erbe in der Schwitters-Stadt Hannover, bereits 1961 erklärt. Da war er 21 Jahre. Heute ist er 75 geworden. Und immer noch viel unterwegs.

veröffentlicht am 30.03.2015 um 17:03 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 08:38 Uhr

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Autor:

Daniel Alexander Schacht
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Ein kleines Kunststück ist es deshalb, ihn überhaupt in Hannover anzutreffen. Am Wochenende hat er im westfälischen Arnsberg sein Werk „Blitzableiter“ installiert, heute, an seinem 75. Geburtstag, ist er in Berlin, wo seine Frau wohnt. Dazwischen war er kurz in Hannover, zum Umpacken in seiner bahnhofsnahen Wohnung („Ich miete nur dicht am Bahnhof, damit ich schnell weg kann“).

Doch was heißt schon Wohnung? Es ist mehr ein Lager früherer Kunstwerke und des Gedenkens daran. Nicht einmal mehr schmale Gänge führen darin um die Stapel von Kunst und Büchern, Katalogen und Postkarten herum, weshalb Ulrichs inzwischen auch die Wohnung gegenüber und den Keller zum Kunstdepot gemacht hat. Weit in die Vergangenheit, bis 1980, als Ulrichs hier eingezogen ist, reichen die Materialhaufen zurück, die sich hier im Wortsinn zur Kunstgeschichte aufschichten. In der Zukunft könnte dies eine reiche Fundgrube für Timm-Ulrichs-Forscher werden. Zusammen mit weiteren Kunstdepots, als die Ulrichs ein Lager in Ricklingen und eine – bahnhofsnahe – Wohnung in Münster nutzt, wo er von 1972 bis 2005 Kunstprofessor war. In Hannover aber hat er seine ersten künstlerischen Schritte unternommen. Hat, statt brav Architektur zu studieren, über Dada, Konstruktivismus und Bauhaus gelesen, als das noch nicht schick war. Hat, ganz in der Dada-Tradition, 1961 seine erste Ausstellung „Kunst ist Leben, Leben ist Kunst“ mit sich selbst in einer Glasvitrine gezeigt. „Marina Abramovic tritt ja als Urgroßmutter der Performance auf“, spottet Ulrichs und fügt hinzu: „Was bin ich denn dann?“

Er ist zweifellos der ältere Performer, ein Künstler, der von der hausgroßen Außeninstallation über Malerei und Grafik, Fotografie und Film, Künstlerbuch bis zu bissigen Bonmots und Spielarten konkreter Poesie eine wirklich seltene mediale Vielfalt aufbietet. Und tritt immer wieder mit (selbst- ironischen Persiflagen, Paradoxien und Sprachspielen hervor.

„Ceci n’est pas une pipe de Magritte“ nennt er ein Werk, das eben das wirklich nicht ist. Er hat Michelangelo persifliert und Mondrian zitiert. Und sich nicht zuletzt immer wieder selbst inszeniert. Er hat 1969 eine „Kunstpraxis“ eröffnet („Sprechstunden nach Vereinbarung“), ist 1975 beim Kölner Kunstmarkt mit Brille, Blindenstock und dem Schild „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ aufgetreten. Hat sich eine Zielscheibe auf die Brust und „The End“ aufs rechte Augenlid tätowieren lassen. Und für die Ausstellung „Optische Poesie“ hat er 1966 eigens einen Bilderrahmen vom Landesmuseum entliehen, um auf einem Schrottplatz aus dem Rahmen zu treten. Künftige Kunsthistoriker, die in Ulrichs Materialflut zu ertrinken fürchten, müssen sich nur an seine Werke halten, um darin einen roten Faden aufzuspüren. Der „Blitzableiter“ zum Beispiel heißt im Untertitel „Objekt für potenzielle Naturschauspiele“, erst ein Blitzeinschlag bringt dieses Kunstwerk also zur Vollendung. „Die Potenzialität ist das Spannende, nicht die Realität“, sagt der Künstler. „Der Blitz ist abwesend und durch meinen ,Blitzableiter’ doch imaginär anwesend.“ Und diese „Anwesenheit der Abwesenheit“ mache für ihn bei seiner künstlerischen Arbeit den Reiz aus. Ulrichs nennt gleich noch ein Beispiel: „Auf der Unterseite der Erdoberfläche“ heißt ein Werk, das er im April, nach der Rückkehr aus Berlin und dem Umsteigen in Hannover, beim Begräbnis des Künstlers Werner Runau in der Künstlernekropole Kassel in Augenschein nehmen wird. Da wartet nämlich auch sein eigenes Grab auf ihn – ein Bronzeabguss seines Körpers, der kopfüber senkrecht im Boden versenkt ist und durch eine Glasscheibe auf den Füßen Einblick in den Hohlkörper gewährt. „Da kommt dann meine Asche rein“, konstatiert der Künstler, „eben in die Unterseite der Erdoberfläche.“ Noch ist er dort abwesend, doch die Hohlform seines Körpers verweist schon auf seine künftige, zum Kunstbestandteil geadelte Anwesenheit.

Die wird allerdings mit seiner zumindest körperlichen Abwesenheit in der wirklichen Welt einhergehen, auf die er sich längst vorbereitet. Ohne von einem Vorlass zu sprechen, berichtet er doch, wie er Schichten aus Hannover abzutragen gedenkt. In Kassel besucht er nicht nur die Künstlernekropole, sondern gibt auch „ein paar Bananenkisten“ voller Dokumente im documenta-Archiv ab. Das Sprengel-Museum habe große Teile seiner Druckgrafik. „Und meine Pornos kommen ins Stadtmuseum München.“ Und zieht er dann irgendwann zu seiner Frau nach Berlin? „Ich habe so viel Material“, wendet er ein und fügt noch eine Liebeserklärung an Hannover hinzu: „Ich bin ja hier eingekerkert.“

Und doch nimmt sich Timm Ulrichs die Freiheit, auch für das Leben nach dem Tode Sorge zu tragen. Wenn „The End“ dauerhaft auf seinem Augenlid zu lesen ist, so habe er es seiner Frau aufgetragen, dann dürfe sie keine Todesanzeige schalten. „Wenn die Deutsche Presseagentur trotzdem über meinen Tod berichtet – dann habe ich’s geschafft.“ Damit erst ist die Inszenierung des Gesamtkunstwerks Timm Ulrichs perfekt. Bis dahin aber gilt es, den Appell auf seiner bereits 1969 gefertigten Grabsteininschrift zu beherzigen: „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!“ Schwer genug.



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