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Für Joseph Beuys galt: "Jeder Mensch ist ein Künstler"

Den einen galt er als Genie – den anderen als Scharlatan. In jedem Fall: Joseph Beuys war ein Star der Kunstszene – mehr noch: Ein Superstar, dessen Charisma nur Wenige widerstehen konnten. Wie kein anderer Künstler nach dem 2. Weltkrieg hat er die öffentliche Meinung beschäftigt.

veröffentlicht am 21.01.2011 um 11:17 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 04:41 Uhr

kultur Beuys
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Von Richard Peter

Den einen galt er als Genie – den anderen als Scharlatan. In jedem Fall: Joseph Beuys war ein Star der Kunstszene – mehr noch: Ein Superstar, dessen Charisma nur Wenige widerstehen konnten. Wie kein anderer Künstler nach dem 2. Weltkrieg hat er die öffentliche Meinung beschäftigt. Das so oft beschworene Schamanenhafte des Ausnahmekünstlers: Für ihn war das eine Gestalt, in der sich materielle und spirituelle Kräfte vereinen konnten. Dazu kamen das Feierliche und das Bescheidene, das Zelebrieren und das Asketische, das Erhabene und das Einfache, das Kostbare und das Karge – und tatsächlich liegt in dieser Polarität das unheimlich Faszinierende, das Magische dieses Mannes begründet, der zwischen Show und Versenkung alle Spannungen zu durchleben vermochte. Beuys starb vor 25 Jahren am 23. Januar 1986.
 Geboren wurde Beuys am 12. Mai 1921 in Krefeld, besuchte in Kleve das Gymnasium und unterhielt dort nach dem Krieg sein erstes Atelier. Für Freunde und Nachbarn blieb Beuys, auch als er längst ein Weltstar war, „dat Jüppken“, das bereits als 12-Jähriger vor dem Elternhaus in Rindern bei Kleve eine Trauerweide pflanzte. Schon als Gymnasiast interessierten ihn naturwissenschaftliche Probleme – verfügte er zu Hause über ein kleines Laboratorium.
 Als 15-Jähriger erweist er sich mit einer Serie von Landschaftsaquarellen als hohe Frühbegabung. Neben seinen ersten Malversuchen – daneben erhält er auch Cello- und Klavierunterricht – liest Beuys vor allem Goethe, Schiller, die romantische Literatur. Unter den Malen schätzt er Edvard Munch – seine Lieblingskomponisten waren Erik Satie und Richard Strauss. Sören Kierkegaard wird sein bevorzugter Philosoph. Neben Goethe und Leonardo da Vinci, deren Universalität Beuys faszinierte, verehrte er auch Paracelsus, dessen spekulative Kosmologie und Anthropologie ihn schließlich zur Auseinandersetzung mit der Lehre Rudolf Steiners führte. In dem Zusammenspiel von Mythos, Existenz und Naturwissenschaft ist nicht zuletzt jene „Soziale Plastik“ begründet, die später als Ziel des von Beuys entwickelten „erweiterten Kunstbegriffs“ zur Diskussion gestellt werden wird.
 Mit dem Abitur 1940 kam auch der Einberufungsbefehl. Beuys meldete sich zur Luftwaffe und wurde nach Posen abkommandiert, wo Heinz Sielmann, der später bekannte Tierfilmer, sein Ausbilder wurde. Schon damals war Beuys ein großer Tierliebhaber – später wird er, 1965, demonstrieren, wie man dem „toten Hasen die Bilder erklärt“ – in New York wurde seine Aktion mit einem Kojoten berühmt. Als Sturzkampfflieger stürzte er 1943 mit einer Ju 87 ab – und überlebte, weil er von einer Gruppe nomadisierender Tataren gefunden wird, die den Bewusstlosen mit Fett behandeln und in Filz einwickeln. Trotz schwerster Verletzungen überlebt Beuys – Fett und Filz werden wesentliche plastische Materialien in seinem Werk.
 Frühjahr 1947 nahm Beuys sein Studium an der schon damals berühmten Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf auf, studierte bei Ewald Mataré, dessen Meisterschüler er wird und mit dem ihn ein Leben lang eine Art Hassliebe verbindet.
 Zur Auseinandersetzung mit Leonardo und Goethe – beide auch naturwissenschaftlich tätig, wie ja auch Beuys – kam in diesen Jahren die Beschäftigung mit der Anthropologie Rudolf Steiners. Kernstück der anthroposophischen Weltanschauung ist die Dreigliederung des sozialen Organismus. Folgerichtig fordert Steiner auch eine Dreigliederung des Staatsgebildes in ein geistiges, politisches und wirtschaftliches Gemeinwesen. „Jeder Mensch“, erkannte Beuys, „ist ein Künstler“.
 Längst ein Stück Kunstgeschichte der Nachkriegszeit: Die Begegnung zwischen Beuys und den Brüdern van der Grinten. Die beiden Brüder, Bauernsöhne, sammelten einige Tausend Beuys-Stücke, davon mehr als 700 Aquarelle und Zeichnungen, ein paar hundert Bilder, mehrere hundert Objekte und plastische Bilder, große Gruppen früher Plastik und früher Grafik.
 Ende 1954 verfiel Beuys in eine tiefe Depression, wird in psychiatrischen Kliniken behandelt – ohne Erfolg. Beuys ist am Ende, ohne Energie, ein Wrack. Erst ein Gespräch mit der Mutter der Brüder van der Grinten brachte die Wende. Später – ganz im Sinne von Nietzsche, begriff er die Depression als eine Art Läuterung. Als Wechsel auf eine neue Ebene. Erkenntnis und Erneuerung durch Krankheit.
 Ein Kapitel, das im Beuysschen Werk eine immense Rolle spielt: Tiere. Sie waren für ihn, wie er oft betonte, „identisch mit der Natur schlechthin“. Der Hase – auch Sinnbild der Auferstehung Christi, zeitweise auch Kühlerfigur auf Beuys‘ Bentley – war für ihn das Symbol der Inkarnation und Geschöpf, mit dem er verschüttete Mythen und Riten neu beleben konnte. Er war, wie er sagte: „sein ureigenstes Tier“.
 Beuys, seit 1961 Professor an der Kunstakademie Düsseldorf, ist klar, dass der alte, am Bild oder an der Skulptur orientierte Kunstbegriff überholt ist. So entwickelt er die „Soziale Plastik“ als ein gesellschaftliches Kunstwerk, das, nach seinem Verständnis, allein wirkliche Demokratie im Sinne kreativer Schöpfung ermöglicht.
 Beuys als Professor, so sehr Mataré voraussah, was für ein charismatischer, verführend faszinierender Lehrer er war, erwies sich dennoch als geborener Akademielehrer, ein Künstler, der sich in dieser Rolle am besten zu verwirklichen wusste. Umso größer der Schock, als ihm 1972, nachdem er mit Studenten das Sekretariat der Akademie besetzt hatte, von Johannes Rau, damals Wissenschaftsminister, fristlos gekündigt wurde.
 Dagegen protestieren Künstler in aller Welt. 1973 verfügte ein Gericht die Aufhebung der fristlosen Kündigung. Schüler setzen in einem Einbaum in einer liebenswert symbolischen Handlung den Meister über den Rhein.
 „Ich habe nichts mit Politik zu tun – ich kenne nur Kunst“. Das hat Beuys durchaus ernst gemeint – und hat sich dennoch immer auch konkret politisch eingesetzt. 1979 ist er „Grünen“-Kandidat für das Europaparlament – scheitert aber.
 „Ich ernähre mich durch Kraftvergeudung“ hat Beuys einmal gesagt. Auch dieser Satz hat beigetragen zu „Beuys – dieses Rätsel“. Er macht alles anders, aber alles, was er macht, liegt in seinem Leben, seinem Schicksal begründet. Alles was er tut, ist unverwechselbar er selbst: Plastik von Beuys. So nimmt er also Fett, das birgt, Filz, der wärmt, Kupfer, das leitet, Honig, der nährt, Batterie, die sich auflädt. Er benutzt Aggregate, Empfänger, Filter, Sender, Kondensatoren, Dynamos, Tonbandgeräte, Videorekorder, Telefone, Leidener Flaschen, Röntgenbilder. Er arbeitet mit Blut und mit Dreck, mit Mullbinden, Heftpflaster, Gaze, Injektionsnadeln, Knochen, Haaren, Fingernägeln, Gelatine. „Beuys‘ Inhalte“, schreibt Franz Joseph van der Grinten im Kranenburger Beuys-Katalog 1963, „sind einfach“.
 1962 Einstieg mit „Erdklavier“ in die für Beuys wichtige Fluxus-Bewegung. Es folgen Aktionen: Beuys wickelt sich in eine Filzrolle ein, gibt über Mikrofon in Abständen Geräusche von sich. Nach acht Stunden erst beendet er die Aktion. In der Galerie Schmela hält er einen toten Hasen im Arm, geht mit ihm durch den Raum, erklärt dem toten Tier die Bilder, die dort hängen. Beuys erzeugt bewusst „Gegenbilder“.
 Fast alle Installationen oder Environments von Beuys haben einen konkreten Hintergrund, lassen sich erklären. Ob seine berühmten Regal-Objekte, „Das Rudel“ aus dem Jahr 1969 mit 32 Rennschlitten mit Filzrolle, Fettklumpen und Taschenlampe. Und immer wieder: der Tod als mystisches Ereignis, als magisches Ritual.
 Ein erstaunlicher Satz von Beuys-Ehefrau Eva: „Beuys ist sein Leben lang gestorben“. Das Kreuz, das Christus auf sich nahm, bedeutete für Beuys die Überwindung des Materialismus. Die Botschaft lautet: „Ich werde euch freimachen“. So gehört das Kreuz zu den wesentlichen Elementen seiner künstlerischen Arbeit. Am 14. April 1986 wurde Beuys Asche in der Helgoländer Bucht der Nordsee übergeben.



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