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Der Schauspieler als Regisseur: Milan Peschel probt derzeit Carl Sternheims Familienkomödie

Für ihn zählt nur das, was er gerade tut

Hannover. Milan Peschel hat sich in Reihe 6 des Schauspielhauses vergraben, die Füße gegen die Sesselreihe vor sich gedrückt. Er liegt eher, als dass er sitzt. Über dem hellen T-Shirt trägt er eine Strickjacke. Das sieht lässig aus, doch es steckt unverkennbar Spannung im Regisseur. Ab und an gibt er freundlich, aber bestimmt Anweisungen in Richtung Bühne. Dann und wann lacht er – eher in sich als in den Saal hinein. Doch man hört das leise Meckern gut, Peschel hat ein Mikrofon vor dem Mund. Er probt mit seinen Schauspielern für Carl Sternheims Dramenzyklus „Aus dem bürgerlichen Heldenleben“. Morgen ist Premiere.

veröffentlicht am 05.01.2012 um 15:29 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 21:21 Uhr

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Autor:

Stefan Stosch
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Beinahe freut man sich, ihn wohlauf zu sehen. Zuletzt war Peschel als Schwerkranker auf der Kinoleinwand zu erleben. Eine berührende Geschichte: Er spielte einen sterbenden Familienvater in Andreas Dresens dokumentarisch anmutendem Krebsdrama „Halt auf freier Strecke“. „Das war keine Rolle wie jede andere“, sagt der 43-Jährige. Der Film habe ihn Demut gegenüber all jenen gelehrt, die von einer tödlichen Krankheit betroffen sind. „Für mich war das ein unglaublicher Luxus: Ich wurde danach als geheilt entlassen.“ Mitgenommen aus dem Film habe er die zwar banale, aber schwer zu praktizierende Erkenntnis, sich nicht über Kleinigkeiten wie einen verpatzten Bühnenumbau zu ärgern. Klar geworden sei ihm, dass ein möglicher Deutscher Filmpreis nur etwas Vergängliches ist. „Was zählt, ist das, was man gerade tut. Daran muss man Freude haben.“

Zum Beispiel an den Proben in Hannover: Am frühen Morgen ist Peschel aus seiner Wohnung am Prenzlauer Berg in Berlin angereist. Erst mussten die Kinder versorgt werden. Die Reisetasche steht neben seinem Stuhl im Theaterbüro, wohin er zum Gespräch gekommen ist – nicht, ohne zuvor Darstellerin Rebecca Klingenberg zu ermahnen, in der Probenpause ordentlich zu essen. Der Mann fühlt sich verantwortlich für seine Leute, so viel ist klar.

Der Weg ins Schauspielhaus führte für Peschel über Ålborg in Dänemark. Dort sah Hannovers Chefdramaturgin Judith Gerstenberg seine „Macbeth“-Inszenierung. Dann fragten die Hannoveraner an, ob er Sternheims hellsichtige Komödie über den ideologischen Wahnsinn im Kaiserreich inszenieren wolle. Erst mal wollte er nicht. „Aber wenn mir jemand eine Idee überzeugend vorträgt, werde ich neugierig.“ Dramaturg Christian Tschirner übernahm die Überzeugungsarbeit. Ihn kennt Peschel noch aus der Zeit an der Ernst-Busch-Schauspielschule.

Über drei Generationen erzählt Carl Sternheim in seiner Trilogie von einer Unternehmerfamilie. Peschel erkennt in den Industriellen eine Dynastie wie die der Krupps wieder. Vieles ahne Sternheim in seinem 1913 erschienenen und von der Zensur verbotenen Werk voraus: deutschnationalen Dünkel, Führer-Sehnsucht, Rassenwahn. Peschel sieht auch Parallelen zu unserer Gegenwart, etwa die Verunsicherung der Menschen. Aber keine Angst: Oberflächliche Aktualisierungen seien nicht zu befürchten.

Auf einige Theaterstunden müssen sich die Zuschauer einrichten: „Das ist kein Stück, in dem man eineinhalb Stunden rumsitzt und dann noch schön essen geht“, sagt Peschel. Wichtig sei ihm, dass die Zuschauer eine Haltung des Regisseurs erkennen. Keinesfalls wolle er als „Theater-Dienstleister“ wahrgenommen werden. Die eigene Biografie stecke in jeder Inszenierung. „Man kann doch nur von dem erzählen, was man kennt.“

Aufgewachsen ist Peschel in Ost-Berlin. Er lernte Tischler, kam als Bühnentechniker zum Theater, wollte aber immer Schauspieler werden. An Frank Castorfs Berliner Volksbühne war er lange Ensemblemitglied. An Castorf rühmt er dessen Gedankenschnelle. Diese ist auch Peschels Maßstab, wenn er inszeniert. Das ist der Grund, warum er inzwischen weniger auf der Bühne zu sehen ist. „Ich bin ein bisschen mäkelig geworden, was meine Regisseure angeht“, sagt er.

Etwa drei Stücke pro Jahr inszeniert Peschel durchschnittlich. Dazu gehörten in Zürich „Manhattan Möwe“, in Berlin am Gorki Theater „Sein oder Nichtsein“ oder auch für Kinder am Theater an der Parkaue „Das doppelte Lottchen“. Dazwischen unternimmt er Ausflüge ins Kino.

Mit Robert Thalheims Film „Netto“ (2005) begann Peschels Leinwandkarriere. Momentan ist er in Detlev Bucks Komödie „RubbeldieKatz“ in einer kleinen Rolle als Kostümbildner zu sehen, im nächsten Jahr in Hermine Huntgeburths „Huckleberry Finn“ als ein Sklaventreiber. Der so sympathische Peschel, der seine Schauspieler zum Mittagessen schickt, als Sklaventreiber? „Es ist ein sehr menschlicher Sklaventreiber“, sagt Milan Peschel.

Premiere am 7. Januar um 19 Uhr im Schauspielhaus. Karten unter (05 11) 99 99 11 11.



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