weather-image
13°

Fröhlich gestimmte Fangemeinde - und Gnade mit dem Einäugigen

Hameln. „Lord Have Mercy With The 1-Eyed“ heißt ein Song auf Phillip Boas letzter Studio-LP. Der kryptische Text mag religiöse Assoziationen wecken, doch beobachtet man den 47-Jährigen am Freitagabend auf der Sumpfblumen-Bühne, lässt sich der Titel leicht auf den überlangen Pony beziehen, der Boa bis an die Oberlippe über dem rechten Auge hängt. Über die Frage der Gnade, die sie dem Einäugigen gewähren sollen, müssen die gut 300 Gäste im Hamelner Kulturzentrum hingegen gar nicht erst nachdenken, steigt Boa und sein fünfköpfiger Voodooclub mit „Euphoria“ tatsächlich so euphorisch in einen 100-minütigen Auftritt ein, dass er die Fans schnell auf seiner Seite hat.

veröffentlicht am 24.10.2010 um 15:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 11:41 Uhr

kultur
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Von Martin Jedicke

Hameln. „Lord Have Mercy With The 1-Eyed“ heißt ein Song auf Phillip Boas letzter Studio-LP. Der kryptische Text mag religiöse Assoziationen wecken, doch beobachtet man den 47-Jährigen am Freitagabend auf der Sumpfblumen-Bühne, lässt sich der Titel leicht auf den überlangen Pony beziehen, der Boa bis an die Oberlippe über dem rechten Auge hängt. Über die Frage der Gnade, die sie dem Einäugigen gewähren sollen, müssen die gut 300 Gäste im Hamelner Kulturzentrum hingegen gar nicht erst nachdenken, steigt Boa und sein fünfköpfiger Voodooclub mit „Euphoria“ tatsächlich so euphorisch in einen 100-minütigen Auftritt ein, dass er die Fans schnell auf seiner Seite hat.
 Mit zackigen Gesten dirigiert er das willige Volk und spätestens zu dem hardrockenden „Albert Is A Headbanger“ hüpft und kopfschüttelt es gewaltig vor der Bühne.
Hervorragend produzierte Studioalben wie das aktuelle „Diamonds Fall“ täuschen darüber hinweg, dass Boa kein allzu begnadeter Sänger ist. Doch im Kontrast zu Pia Lunds hoher Stimme und im Zusammenklang beider entsteht ein charakteristischer Sound, der vor einem Vierteljahrhundert die deutsche Indieszene mitbegründete. Zwischen der Punkenergie in „Kill Your Ideals“ und dem lupenreinen Pop von „Valerian“ erstreckt sich ein Spektrum, das kinderliedartige Refrains („Container Love“), Eighties-Keyboardteppiche („This Is Michael“) und wavige Countryrhythmen („Fine Art In Silver“) ebenso breit abdeckt, wie sich die oft eher assoziativ als narrativ aufgebauten Texte mit Liebe und Hass beschäftigen, aber auch gesellschaftskritische Töne anschlagen.
 „I dedicate my soul to you“, verspricht Boa den Fans im gleichnamigen Song, um danach mit verschränkten Armen, versteinerter Miene und hängenden Mundwinkeln im Blitzlichtgewitter zu stehen. Double Bind, eine Diskrepanz von Inhalts- und Beziehungsaspekt, hätte der Kommunikationspsychologe Watzlawick diagnostiziert, doch Boa klatscht auch Hände ab oder fragt, ob’s gut war. Und die fröhlich gestimmte Fangemeinde lässt Gnade walten mit dem Einäugigen. War ja ohnehin nur eine rhetorische Frage.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt