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Altmodischer Äffchentanz

Fragwürdig: Chris Tall in der Swiss-Life-Hall

HANNOVER. Das Motto des Abends ist leicht zu erraten: „Darf er das?“ steht in großen Buchstaben auf Chris Talls T-Shirt – wie auf all seinen Merchandise-Artikeln. Sein Publikum feiert ihn als Helden der Demokratie. Zurück bleiben Fragen: Wenn alle gleich sind, warum stellt Tall dann ausgerechnet Minderheiten in seiner Show aus?

veröffentlicht am 06.11.2017 um 14:48 Uhr

Die Fans kommen vor allem, um zu erleben, wie Chris Tall diese eine Botschaft zelebriert: „Ja, ich darf das.“ Foto: Nancy Heusel

Autor:

Thomas Kaestle

Es ist offenbar kaum von Bedeutung, dass der Titel des aktuellen Programms „Selfie von Mutti“ heißt, dass Tall es in der ausverkauften Swiss-Life-Hall zum 199. und damit vorletzten Mal spielt, dass es danach nahtlos mit Scherzen über Papa weitergehen soll. Die Fans kommen ja vor allem, um zu erleben, wie Chris Tall diese eine Botschaft zelebriert: „Ja, ich darf das.“ Das erinnert ans ewiggestrige „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ der Wutbürger.

Auch Tall lässt keinen Zweifel daran, dass er nicht an politische Korrektheit glaubt. „Wir sollten in Deutschland viel mehr über uns selbst lachen“, sagt er. Und meint damit vor allem: über Minderheiten und alle, die anders sind. So feiert er Erfolge damit, auf Kosten respektvollen Miteinanders alte gesellschaftliche Klischees zu vertiefen. Auch bei Tall ist „schwul“ eine Beleidigung, „Schwarze“ bestehen im Halbdunkel nur aus Zähnen und Augen, Polen sind Diebe, Männer flüchten vor ihren nervenden Frauen zum Bierholen und Sex mit schlafenden Frauen ist keine Vergewaltigung, sondern irgendwie lustig.

Allerdings tritt Tall dabei zugleich für Toleranz und Offenheit ein und ruft zum Engagement gegen Rechtspopulismus auf. „Keiner ist weniger wert als ein anderer“, stellt er seinen Geschmacklosigkeiten voran. Er leitet daraus ab, Witze über Minderheiten seien eine Art Gleichberechtigung. Tatsächlich gibt er sich größte Mühe, Minderheitenvertreter ins Rampenlicht zu holen. Seine Show gründet auf Publikumsinteraktion. Er sucht sich Referenzzuschauer, an denen er sich abarbeiten kann: einen 13-Jährigen, der zu jung für schmutzige Bemerkungen ist, einen Kevin als vermeintlichen Vertreter des Proletariats, einen älteren Herrn mit junger Begleiterin, einen „Schwarzen“, einen „Schwulen“ oder einen „Behinderten“.

Wer aufzustehen wagt, bekommt einige Minuten im Rampenlicht, mit Selfies, Geburtstagsständchen und Applaus.

Sein Publikum liebt das und feiert ihn als Helden der Demokratie. Zurück bleiben Fragen: Wenn alle gleich sind, warum stellt Tall dann ausgerechnet Minderheiten aus? Kann der eine dunkelhäutige Deutsche, der bereit ist, den „Schwarzen“ zu spielen, für alle anderen sprechen, über die ohne einen geschützten Rahmen sehr viel unfreundlicher gelacht wird? Talls Toleranzgala ist zugleich eine Freakshow altmodischen Zuschnitts. Die Formulierung, die er mehrfach für die Erwartungen seiner Gäste an ihn selbst wählt, lässt sich auch auf seinen eigenen Umgang mit ihnen übertragen: „Tanz für mich, Äffchen!“

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