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Zu Besuch bei der Fotografin Helga Paris, die an der Schau „Photography Calling!“ im Sprengel Museum beteiligt ist

„Fotos ließ man herumliegen – sie hatten keinen Wert“

Seit 47 Jahren lebt und arbeitet die Berlin-Fotografin Helga Paris in derselben Wohnung am Prenzlauer Berg in Berlin. Wer bei der Grande Dame der ostdeutschen Fotografie zu Besuch ist, taucht in eine andere Zeitsphäre ein. Seit die DDR-Boheme in der geräumigen Altbauwohnung ein- und ausging, scheint sich in dieser Welt aus Patina, Erinnerungen und Fotografien kaum etwas verändert zu haben. Hier hat die 1938 geborene Fotografin ihre Kinder großgezogen. In dieser Wohnung hat sie auch die Punks der ausgehenden DDR aufgenommen, es waren Freunde ihrer Kinder. Die Fotos, die heute in Museen hängen, hat sie in der Küchenspüle entwickelt.

veröffentlicht am 04.10.2011 um 15:29 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 06:41 Uhr

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Autor:

Johanna Di Blasi
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Im vorderen Zimmer füllt ein Gemälde des Exmannes von Helga Paris eine ganze Wand: eine Strandszene mit antiken Säulen, die ein sehnsüchtiges Gefühl heraufbeschwört. In dunklen Holzregalen lagern zahllose Fotokartons mit Aufschriften wie „Porträts Künstler“, „70er Jahre“ oder „Diverse ältere Kontakte“. Um die Beine der liebenswerten Fotografin wuseln zwei schwarze Katzen herum. Auf einem Tisch hat Helga Paris Mappenwerke vorbereitet. Einige Bilder wird sie bei „Photography Calling!“ zeigen, der mit Spannung erwarteten großen Fotoausstellung des Sprengel Museums. Eröffnung ist am Sonntag, 9. Oktober.

Mit der Ausstellung möchte das Sprengel Museum an seine großartige Fotoausstellung „How you look at it“ aus dem Expo-Jahr 2000 anknüpfen. Im Vorfeld hatte die Niedersächsische Sparkassenstiftung begonnen, herausragende Serien der Fotografie im dokumentarischen Stil zu sammeln – das war die Grundlage von „How you look at it“. Die Sammlungsbestände der Sparkassenstiftung wurden kontinuierlich erweitert und nach New York (Whitney Museum), München (Haus der Kunst) und London (Tate Modern) verliehen.

Nun sei es an der Zeit, in Hannover zu zeigen, was in den zurückliegenden zehn Jahren hinzugekommen sei, sagt Thomas Weski. Der frühere Kurator des Sprengel Museums, der nach Stationen in Köln und München inzwischen in Leipzig Professor für „Kulturen des Kuratorischen“ ist, sitzt im Ankaufsgremium der Stiftung. Gemeinsam mit Inka Schube vom Sprengel Museum ist er für „Photography Calling!“ verantwortlich. Etwa die Hälfte der mehr als 400 Werke von 30 Fotografen kommt aus dem Besitz der Stiftung.

Von Helga Paris hat es im Sprengel Museum 2004/05 eine Einzelausstellung gegeben. Bei der kommenden Schau werden ihre Selbstporträts zu sehen sein. Sie habe diese in ihrem Badezimmer gemacht, erzählt Helga Paris. In der beengten Nasszelle habe sie es so eingerichtet, dass sie sich im Spiegel fotografieren konnte. Ihre Hauptmotive aber waren ihre Nachbarn und Menschen, die sie auf der Straße ansprach, in Berlin, Halle oder Rumänien, sowie Häuser und Straßenzüge. Dafür ist sie berühmt. Mit jedem Schwarz-Weiß-Abzug, den die Fotografin in die Hand nimmt, scheint etwas von der alten Zeit wiederaufzuerstehen. Man meint die schwarz-weiß fotografierten Hochzeitsgesellschaften lachen zu hören, und man ist gerührt von der bescheidenen Ramona, einem Kind mit Karorock und Strickjacke, das Paris 1982 fotografierte. „Es erinnert mich an die eigene Jugend in den fünfziger Jahren“, sagt sie.

Ihre berühmten düsteren Aufnahmen vom verfallenden Halle sind als melancholische Kommentierungen der Stagnation und Agonie der Spätzeit des Arbeiter-und-Bauern-Staates interpretiert worden. Ein Nachmittag bei Helga Paris aber genügt, um zu verstehen, dass die bröckelnden Straßenzüge in Halle oder Berlin-Ost gar nicht als kritischer Kommentar auf das Regime angelegt waren, jedenfalls nicht bewusst. Helga Paris’ Zugang ist eher sentimentaler Natur. Sie habe das alte Halle festhalten wollen, sagt sie.

Dass man heute für ihre Fotos viel Geld bezahlt – ihre Mappen à 17 Abzüge kosten pro Stück 16 500 Euro – und dass man ihre Bilder mit Handschuhen anfasst, findet die Boheme-Dame verwunderlich. „Früher wurden Fotos herumgezeigt, und man ließ sie herumliegen. Sie hatten keinen Wert“, sagt sie lächelnd und verscheucht ihr Kätzchen, das gerade über eine teure Fotomappe gelaufen ist.

Die Ausstellung „Photography Calling!“ im Sprengel Museum Hannover läuft vom 9. Oktober bis 15. Januar. Eröffnung ist am Sonntag, 9. Oktober, um 11.15 Uhr im Sprengel Museum. In Kooperation mit der Niedersächsischen Sparkassenstiftung zeigt das Museum mehr als 400 Werke von rund 30 Fotografen. Infos gibt es unter http://photographycalling-blog.de.

Die Grande Dame der Fotografie: Helga Paris in ihrem Berliner Atelier. Foto: Luca Di Blasi



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