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Ausstellung würdigt Porträtfotografin Rineke Dijkstra – und diese würdigt die Schätze des Sprengel-Museums

„Figuren“ im Fokus

HANNOVER. Auf dem ersten Bild hat Cécile fast noch ein wenig Babyspeck, auf dem letzten der sieben Fotos mit ihrem Konterfei blickt sie als selbstbewusster Teenager in die Kamera. Sieben Mal dieselbe Figur? Mehr noch: Die Fotografin Rineke Dijkstra hat auch Céciles jeweils sieben Jahre ältere Schwestern Emma und Lucy über sieben Jahre hinweg jährlich porträtiert – und dokumentiert damit 21 Jahre Entwicklung vom Kindesalter bis zur jungen Frau.

veröffentlicht am 09.02.2018 um 13:49 Uhr

Der Ausdruck im Gesicht der beiden Jungen changiert zwischen dem Unwohlsein des Beobachtetwerdens und gleichzeitigem Stolz. Foto: Rineke Dijkstra/Sprengel-Museum

Autor:

Daniel A. Schacht

Die mit dem Spectrum-Preis ausgezeichnete Porträtfotografin Rineke Dijkstra hat für ihre aktuelle Ausstellung „Figuren/Figures“ eigene Arbeiten mit Werken aus den Beständen des Sprengel-Museums kombiniert – und eröffnet damit einen neuen Blick auf die Schätze der Museumssammlung. Figuren/Figures ist noch bis 6. Mai am Kurt-Schwitters-Platz zu sehen.

Rineke Dijkstra Verfahren ist gleich in mehrfacher Hinsicht symptomatisch für die Strategie der niederländischen Fotokünstlerin: Sie nimmt Figuren nie heimlich auf, sondern nur mit deren Einverständnis, sie lässt die Porträtierten posieren, arrangiert sie aber auch selbst. Sie interessiert sich dabei weniger für einen Typus als für die einzelnen Individuen. Und sie baut zu ihnen eine oftmals langjährige Beziehung auf.

Dafür wurde Dijkstra, der bereits 2015 der mit 15 000 Euro dotierte Spectrum-Preis der Stiftung Niedersachsen zuerkannt wurde, jetzt mit dem Preis, dem zugehörigen Künstlerbuch und einer großen Einzelausstellung im Sprengel-Museum gewürdigt.

In der artifiziellen Arm- und Beinhaltung des sitzenden Mädchens artikuliert sich ein beinahe zwanghaftes Bekenntnis zum Tanz. Foto: Rineke Dijkstra/Sprengel-Museum
  • In der artifiziellen Arm- und Beinhaltung des sitzenden Mädchens artikuliert sich ein beinahe zwanghaftes Bekenntnis zum Tanz. Foto: Rineke Dijkstra/Sprengel-Museum

„Rineke Dijkstra steht damit in einer Reihe internationaler Repräsentanten künstlerischer Fotografie in dokumentarischem Stil“, sagte Lavinia Franke, die Generalsekretärin der Stiftung, bei der Präsentation der Kunstschau. Besucher des Sprengel-Museums können damit jetzt die Ausstellung einer Künstlerin erleben, die „ein internationaler Star ist“, wie Museumsdirektor Reinhard Spieler betonte. Und Stefan Gronert, neben Inka Schube Fotokurator des Hauses und überdies der Kurator dieser Ausstellung, setzte noch eins drauf: „Rineke Dijkstra ist die Porträtfotografin der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte.“

Tatsächlich findet die 58-jährige Niederländerin längst international Resonanz. 2012 ist sie im New Yorker Guggenheim-Museum ausgestellt worden, 2013 im Frankfurter Museum für Moderne Kunst, 2017 wurden ihre Werke im dänischen Lousiana-Museum gezeigt und sie hat noch den renommierten Hasselblad-Preis erhalten.

Intensive Beziehungen baut Dijkstra nicht nur zu den Menschen auf, die sie porträtiert, langjährige Beziehungen unterhält sie auch zum Sprengel-Museum, in dem sie bereits 1998 in einer Ausstellung im Untergeschoss sowie 2000 und 2012 in den Gruppenschauen „How you look at it“ und „Photography calling!“ zu sehen war. Ihre Ausstellung zeugt nun davon, dass sie 2016 auch als Besucherin im Museum war – und dabei, wie sie am Rande der Präsentation erzählt, „wirklich fasziniert und begeistert“ von der Sammlungsschau „130 % Sprengel“ war. Für Figuren/Figures hat sie deshalb im reichen Sammlungsbestand des Hauses gestöbert – und konfrontiert Artefakte daraus mit eigenen Arbeiten. Zu den 60 Arbeiten Dijkstras kommen in dieser Schau daher noch 50 aus dem Bestand des Hauses.

„Rineke Dijkstras Arbeit kreist um die Frage, was die Porträtfotografie zu leisten vermag“, sagt Stefan Gronert. „Was Posen und Haltungen über eine Person aussagen, aber auch, welche Rolle Zwischenräume, Vorder- oder Hintergründe spielen.“

Um menschliche Haltungen geht es auch bei den figurativen Exponaten, die die Künstlerin aus der Sprengel-Sammlung ausgewählt hat. Summa summarum eine Ausstellung also, die nicht nur spannende Brückenschläge zwischen aktueller Fotografie und klassischer Moderne erlaubt, sondern auch zwischen den Kunstobjekten und ihren Betrachtern.

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