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Molières „Der eingebildete Kranke“ mit dem Ernst Deutsch Theater

Feuerwerk der Spielfreude

HAMELN. Ein beweglich-schwankender Bett-Stuhl wie ein Thron auf dem es sich Monsieur Argan im Kranksein gemütlich gemacht hat – genießt, im Mittelpunkt zu leiden. Ein Stratege im eingebildeten Elend, der genüsslich Arztrechnungen kontrolliert, sich lustvoll am eigenen Leiden weidet. Ein Hypochonder mit dem Anspruch, ein Tyrann sein zu dürfen im Reich der Kissen.

veröffentlicht am 21.02.2019 um 14:40 Uhr

Hypochonder Argan ist für jede skurrile medizinische Kur und Anwendung zu haben. foto: Oliver Fantitsch
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Autor

Richard Peter Reporter

So herzhaft theatralisch hat Molières „Der eingebildete Kranke“ nur selten triumphiert. Mittwoch Abend auf unserer Bühne zu Gast: Das Ernst Deutsch Theater mit Molières letzter Komödie in der Regie von Volker Lechtenbrink und Wolf-Dietrich Sprenger. Ein Feuerwerk an Spielfreude, drastisch, herrlich verspielt, komödiantisch hochgeschaukelt ins Surreale – aber immer auch mit Bodenhaftung und die Figuren perfekt bedient. Und fast ein bisschen déjà-vu und viele Jahre zurück, ein Molière in der Pariser Comédie Francaise mit einem Liebespaar – er mit halber Pobacke zierlich am Chaiselongue-Rand, am ganzen Körper vor Erregung zitternd mit Wortkaskaden, die nie enden wollend auf sie einprasseln. Da wurde Jean--Baptiste Poquelin, der sich Molère nannte, auf unseren Brettern noch als verbrämte Tragödie gespielt. Als tragisch umflorte Charaktere.

Schon der Einstieg – und Ausstieg unterm Vorhang durch, der aufgeht und gleich wieder zu. Als wäre es inszeniert. Manchmal passt halt alles. Herrliche Schauspieler. Jonas Minthe als Argan, der so lustvoll eingebildete Kranke, der so spektakulär furzt und sein Dienstmädchen Toinette ein ums andere Mal keifend zusammenfaltet – hinreißend Jessica Kosmalla, die so souverän mit ihrem Plagegeist umgeht und hausintern die Regie übernimmt. Auch die so herrlich herrisch-verlogene Béline, Maria Hartmann, als Argans Frau, die nur darauf wartet, dass der Alte ins Jenseits entschwindet.

Bezaubernd Katharina Pütter als Töchterchen Angélique, die so gekonnt spontan in Ohnmacht fällt und nur einen Gedanken hat – Cléante alias Richard Zapf, der sich als Musiker im Haus mit einer grandiosen Gesangsnummer einschleicht. Eine der schönsten Szenen, wenn Argan seine kleine Tochter Louison (Julia Liebetrau) aushorcht. „Von solchen Szenen sagt man“, hieß es einmal, „sie sind vom lieben Gott abgeschrieben“. Sie müssen aber auch so göttlich inszeniert und gespielt werden. Wie auch die Karikatur eines angehenden Medicus, Anton Pleva als restlos verpeilter Thomas. Dann die großen Enthülluns-Szenen, in denen der eingebildete Kranke auch ein eingebildeter Toter ist – und Bühne frei fürs Happy End.

Klar doch, dass Béline das Haus nur noch zum Applaus betritt, sich Angélique und Cléante in den Armen liegen und Argan zum Medicus promoviert wird und sich bei seiner Erfahrung mit Ärzten, Apothekern und vor allem: Kranker – selbst nach Herzenslust behandeln kann, während die düpierte Ärzteschaft einen wahren Goldesel verloren hat. Verloren auch das Ballett-Finale mit „Savantissimi, Doctores, Medicinae, Professores“ – ein ellenlanger Text in verschrobenstem Latein. Stattdessen ein Argan, selig lächelnd und glücklich im Himmel seiner Profession gelandet.

Ein herrlich komödiantischer Theaterabend bei dem einfach alles passt – auch das ausverkaufte Haus. Und erinnert, dass Molière, wovon Schauspieler angeblich träumen, als „malade imaginaire“ auf seiner Bühne im Palais Royal noch im Argan-Kostüm einem Blutsturz erlag. Er war halt wirklich krank.



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