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Die Zeichnungen des künstlerischen „Tausendfüßlers“ Gillaume Bruère zeigt das Marta Herford

Extremsport mit ein paar Paarhufern

Herford. Aus großen, scheuen Rehaugen lugt das Tier von der Wand. Ist es ein Marder? Ein Seehund? Vielleicht ein Otter? Das ist schwer zu sagen – und tatsächlich auch egal. Denn in die kruckelige Ölkreide- und Buntstiftzeichnung dieses undefinierbaren surrealistischen Tierbildes lässt Gillaume Bruère so viel Streichel-mich-Duselei einfließen, dass man als Betrachter am liebsten das Papierbild kraulen möchte. Wäre da im Marta Herford nicht die Kamera an der Decke …

veröffentlicht am 24.08.2012 um 12:40 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 23:21 Uhr

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Autor:

Julia Marre
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Wie viele seiner Arbeiten ist „Ohne Titel (6)“ im Naturhistorischen Museum in Wien entstanden. Als wäre er ein Kopist auf Zeitreise, setzt sich der 1976 im französischen Châtellerault geborene Künstler in die altehrwürdigen Ausstellungshäuser – und zeichnet, zeichnet, zeichnet. Was dort entsteht, sind nur selten Einzelbilder. Denn, wie Bruère nicht ohne ein Augenzwinkern gesteht: „Alles, was ich anfange, wird schnell zur Serie.“ Es klingt, als sei diese Produktionswut, die das Schaffen des in Berliner lebenden Künstlers kennzeichnet, ein unbeabsichtigter Zufall. Als könne „GIOM“, wie er seine Bilder signiert, einfach nicht anders. „Tausendfüßler“ heißt daher seine Ausstellung.

200 Arbeiten malt der Künstler in drei Monaten. Sein Atelier sei „ein Schlachtfeld“, sagt er, dessen Tür er verschließt, wenn er mit dem Arbeiten beginnt. „Das musst du jetzt durchziehen, sonst kommst du nicht raus“, sagt er sich dann – und malt. Nicht nur Fabelwesen, mutierte Tiere und Chimäre sind in Herford zu sehen, sondern auch jene „alten Schinken“, die Bruére in den Gemäldegalerien in Berlin und Dessau, in der Alten Pinakothek in München findet und denen er seinen unverkennbaren Zeichenstil aufdrückt.

Seine Bilder sind einmalig. Das war schon an der Kunsthochschule so: Gillaume Bruères Werke stachen aus denen aller Schüler hervor. Stillsitzen und Muße sind nicht seine Sache. Seine Kunst betreibt er wie einen Extremsport – energisch, kraftvoll, schnell. „Vibrierende Linienführung“ nennt Marta-Direktor Roland Nachtigäller das, was auf dem Papier wie ein Zucken aussieht. Seine Kommilitonen scherzten damals über den zittrigen Stil des Zeichners: „Bruére kann nur gerade Linien zeichnen, wenn er auf der schleudernden Waschmaschine sitzt“, sei ein Kommentar gewesen, erinnert sich der Künstler. Präzision und Geschwindigkeit widersprechen sich in seinen Bildern nicht.

Auch wenn er während seines Studiums in Poitiers und Nantes oftmals kritisiert wurde, Dozenten ihm rieten, mit dem Zeichnen aufzuhören – Bruére ist seiner Kunst treu geblieben. Und das hat sich mehr als gelohnt. Er zeichnet mit Kugelschreibern, mit Kreide, Farbstiften, Aquarellfarben oder Bleistift. „Sich auf eine Technik festzulegen ist, als würde man sich ein Bein abhacken“, sagt der Künstler. Und steht dabei fest mit beiden in Turnschuhe geschnürten Füßen auf dem Boden der Tatsachen. Das Marta in Herford zeigt ab dem morgigen Sonntag seine erste große Museumspräsentation. „Das ist ein Traum für mich“, sagt Bruère und lächelt zaghaft. Vielleicht, weil er dabei schon an die waghalsige Performance denkt, mit der er morgen um 11.30 Uhr seine Besucher überraschen möchte.

Gillaume Bruères Ausstellung „Tausendfüßler“ mit 180 Zeichnungen und Skulpturen ist vom 26. August bis 4. November im Marta Herford, Goebenstraße 2-10, zu sehen: www.marta-herford.de

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