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Rattenfänger-Literaturpreisträgerin Felicitas Hoppe spricht im Interview über ihr prämiertes Buch „Iwein Löwenritter“

„Etwas Schöneres kann einem gar nicht passieren“

Hameln. Im November erhält die aus Hameln stammende Schriftstellerin Felicitas Hoppe den Rattenfänger-Literaturpreis, der alle zwei Jahre für Märchen, Sagen oder Phantasiegeschichten vergeben wird. Julia Marre sprach vorab mit der Autorin.

veröffentlicht am 29.04.2010 um 17:12 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 01:21 Uhr

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Frau Hoppe, herzlichen Glückwunsch zum Rattenfänger-Literaturpreis.

Vielen Dank, ich habe mich wirklich sehr über die Auszeichnung gefreut, zumal ich überhaupt nicht damit gerechnet habe. Etwas Schöneres kann einem gar nicht passieren.

Als aus Hameln stammende Schriftstellerin, die ein Kinderbuch für den Rattenfänger-Literaturpreis einreicht, haben Sie sich doch sicher gute Chancen ausgerechnet?!

Das von Michael Sowa gestaltete Cover von „Iwein Löwenritt
  • Das von Michael Sowa gestaltete Cover von „Iwein Löwenritter“.

Nein. Meine Bewerbung liegt auch eine Weile zurück, daher war der Preis nicht mehr in meinem Horizont vorhanden. Überraschungen dieser Art sind natürlich die schönsten. Ich bin ja auch nicht explizite Kinderbuchautorin. Aber „Iwein“ liebe ich sehr. Ich habe gedacht: Es könnte passen. Und es hat gepasst.

„Iwein Löwenritter“ ist das erste Kinderbuch, das Sie geschrieben haben. Was ist an der Arbeit anders als an der mit anderen Romanen?

Bisher habe ich tatsächlich gelegentlich kurze Bilderbücher gemacht, die sich nur an Sammler richteten. Mir ist das Genre Kinderbuch daher nicht fremd. Aber „Iwein“ ist mein erstes richtiges Kinderbuch. Damit habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich viele Dinge wagen kann, die bei einem Buch für Erwachsene nicht möglich sind. Ich kann viel konkreter, unmittelbarer schreiben, habe mehr Freiheiten. Die Arbeit ist geprägt von großer Direktheit, weil ich weiß, dass die Kinder mich beim Wort nehmen. Andererseits kann man sich leichter blamieren. Ein Kinderbuch geht eher an die Substanz.

Das klingt ja fast, als sei es für einen Schriftsteller die größere Herausforderung, ein Kinderbuch zu schreiben.

In gewisser Weise ist das so. Das Risiko, das man eingeht, ist größer. Aber es hat mir auch großen Spaß bereitet.

Wie sind Sie als Thema gerade auf das mittelalterliche Epos Hartmann von Aues gestoßen?

„Iwein“ gilt ja als sehr trockener Stoff, ist 800 Jahre alt. Wie alle meine Lieblingsbücher habe ich es per Zufall entdeckt. Oftmals, wenn ich Geld in einer Lesung erwerbe, gebe ich es gleich am nächsten Morgen in einer Buchhandlung aus. So war es auch diesmal. Beim Stöbern entdeckte ich die Manesse-Ausgabe des Epos’. Auf dem Titel war eine Iwein-Freske abgebildet. Das hat mich interessiert, also habe ich es gekauft. Auf der Rückfahrt im Zug habe ich es in einem Zug durchgelesen. Der Stoff hat mich fasziniert.

So sehr, dass Sie sich überlegten, die Geschichte für Kinder nachzuerzählen?

Nicht direkt. Ich sprach mit Tilman Spreckelsen, der eine neue Reihe herausgeben wollte: „Die Bücher mit dem blauen Band“. Er sagte, dass er mit einem Ritterroman starten möchte. „Iwein“ ist der einzige Ritterroman, den ich kenne – also habe ich ihn genommen.

Eine Erzählung für Kinder hört sich immer anders an als die Variante für Erwachsene: Was haben Sie am ursprünglichen Text geändert?

Ich bin extrem nah am Original geblieben – mit seiner Gewalt und seinen dramatischen Szenen. Iwein bringt beispielsweise einen Mann im Zweikampf um, um anschließend dessen Frau zu heiraten. Genau das passiert auch in meiner Erzählung. Eingegriffen habe ich in Kleinigkeiten, etwa stilistischer Art. Außerdem berichtet Hartmann von vielen Abenteuern mit Riesen. Es gibt gewissermaßen eine Riesen-Inflation im Original. Jeder neue Riese ist noch größer und bedrohlicher als der vorige. Das war mir zuviel, daher habe ich die Abenteuer variiert und Feinde hinzugedichtet. Aber mein „Iwein“ ist nicht die Kinderfassung, sondern eine Nacherzählung.

Als Perspektive haben Sie die direkte Anrede an den Leser gewählt. Weshalb?

Auch damit habe ich mich an die Hartmann-Vorlage gehalten. Mittelalterliche Erzähler sprechen die Zuhörer direkt an. Dieses Sich-mit-dem-Leser-Verbünden hat mir besonders gefallen.

Außerdem haben Sie für dieses Buch mit einem Illustrator zusammengearbeitet. Wie war das?

Es war eine sehr schöne Erfahrung. Wir haben lange überlegt, wie wir das Buch illustrieren, und waren sehr glücklich, als Michael Sowa zusagte. Ursprünglich sollte er nur das Cover gestalten. Dann aber haben wir uns für vier Farbtafeln im Buch entschieden. Er hat sich zielsicher die schwierigsten Szenen herausgesucht, zum Beispiel den doppelten Ritter mit zwei Gesichtern. Seine Bilder haben mich stark an frühere Zeiten erinnert, als noch sehr sparsam illustriert wurde. Ich finde sie sehr gelungen.

Haben Sie eine Lieblingsfigur im Buch?

Ja, die habe ich. Es ist Lunete. Sie ist die Dienerin von Iweins Frau Laudine. Lunete ist die weltbeste Schachspielerin, weshalb niemand gegen sie antreten mag. Sie ist rhetorisch die Beste, ist intelligent und die Frau, die die Fäden in der Hand hält. Überhaupt sind in der Geschichte die Frauenfiguren die wichtigsten.

Könnten Sie sich nach diesem Erfolg vorstellen, wieder ein Kinderbuch zu schreiben?

Ja, absolut. Das würde ich sehr gerne wieder für diese Reihe tun. Die „Bücher mit dem blauen Band“ bieten eine breite Palette an Stoffen und Themen. Das wäre mir eine große Ehre. Vielleicht diesmal etwas mit Piraten? Zurzeit arbeite ich bereits an einem Roman. Aber danach wäre ich offen für ein Kinderbuch.

„Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals diesen Preis bekomme“, sagt Felicitas Hoppe. Die aus Hameln stammende Schriftstellerin wird im November die Auszeichnung entgegennehmen. Foto: Sven Paustian



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