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Wie Stauffenberg zum Widerstand kam - und zur Dichtung

„Es lebe das geheime Deutschland!“

„Es lebe das geheime Deutschland!“ - das waren Claus Schenk Graf von Stauffenbergs letzte Worte, bevor er in der Nacht zum 21. Juli 1944 nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler hingerichtet wurde. Das „Geheime Deutschland“ ist eine gesellschaftliche Utopie, erdacht von dem Dichter Stefan George. Am Sonntagvormittag spricht der Historiker Dr. Edgar Herrenbrück um 11.15 Uhr bei der „Matinée in der Pfortmühle“ über die Verbindung zwischen diesen beiden Persönlichkeiten. Uns hat er vorab erklärt, wie groß der Einfluss des Dichters auf Stauffenberg war – und warum es „Operation Walküre“ ohne George womöglich nie gegeben hätte. Einen Auszug aus dem Interview können Sie hier lesen - den kompletten Text in der Samstagsausgabe der Dewezet oder im Premiumbereich.

 

Herr Dr. Herrenbrück – was ist das, das „Geheime Deutschland“?
Das „Geheime Deutschland“ verweist auf ein neues Deutschland, das Stefan George mit seiner Dichtung schaffen wollte. Es sollte ein Deutschland der Gemeinschaft sein, der heldisch-idealistischen Gesinnung, der Selbstlosigkeit und Tapferkeit. An der Spitze sollte der Dichter selbst als Führer stehen. Seine Anhänger, der sogenannte George-Kreis, seine „Jünger“, bildeten so etwas wie den Adel, der die Botschaften seiner Gedichte in die Tat umsetzen sollte. Der Begriff „Geheimes Deutschland“ wurde für George und seinen Kreis etwa seit 1910 wichtig, und besonders dann in den 1920er Jahren. Das damalige Deutschland, Kaiserreich und Weimarer Republik, erschien ihnen finster und kulturlos, oberflächlich und äußerlich. Für George war es die Zusammenschau von Antike, Christentum und germanischen Völkern, die die Substanz für das „Geheime Deutschland“ der Zukunft bot. Als Utopie gedacht, sollte dieser Staat Wirklichkeit werden. Kritisch muss man dazu sagen, dass das eine gänzlich unrealistische Vorstellung war. Eine aus der Vergangenheit geholte, idealisierte Welt sollte mit einem Dichter an der Spitze das Muster für ein neues Deutschland geben. Die damalige Gegenwart mit ihren Problemen der modernen Gesellschaft wurde einfach ausgeblendet, Rationalität und Individualität verachtet. Aber die 1920er Jahre hatten es eben in sich.

Wie kam es dazu, dass Stauffenberg sich in den Sekunden vor seinem Tod auf George bezog? Was verband die beiden Männer, die immerhin fast 40 Jahre Altersunterschied trennten?
George war zwischen 1900 und 1933 einer der berühmtesten Dichter Deutschlands, scharte einen Kreis von Freunden und Anhängern um sich. Claus und seine beiden älteren Brüder, die Zwillinge Berthold und Alexander, wurden im Jahre 1923 durch eine Freundin der Familie George zugeführt. George war sofort voller Zuwendung für diese Drei war. Man muss sich klarmachen: Claus war damals gerade einmal 15 Jahre alt. Einer von Georges „Jüngern“ schrieb zu der Zeit die Biografie eines Staufer-Kaisers, da war George natürlich begeistert, dass jetzt drei Stauffenbergs zu ihm kamen. Er sagte: „Das ist eine an Wunder grenzende Fügung.“ Er soll sogar gesagt haben, diese Jungen seien Nachkommen der Staufer.

Als wie groß schätzen Sie Georges Anteil an der Abkehr Stauffenbergs von Hitler ein?
Ich glaube, dass der Einfluss Georges auf Stauffenbergs Widerstand gegen Hitler und den NS groß war. Fakt ist aber, dass Stauffenberg von 1933 bis 1942 Hitler anerkannt, gelobt und auch respektiert hat. Noch Ende 1941, als der Russlandfeldzug schon im Gange war und die Grausamkeiten bereits zu erkennen waren, nannte er Hitler eine „überragende und willensstarke Persönlichkeit“. Erst 1942, als Stauffenberg Hitlers Fehler in der Heeresführung und die Verbrechen an der Zivilbevölkerung begriff, verurteile er ihn - und dann sofort radikal: „Hitler muss umgebracht werden!“. Den meisten Offizieren fehlte hierzu der Mut. Sie folgten Hitler bis zum Schluss. Ein Hauptgrund dafür war, dass sie auf Hitler einen Eid geleistet hatten. Den hatte natürlich auch Stauffenberg geleistet. Warum er dennoch zum Widerstand gekommen ist? Ich glaube, das lag an seiner Zugehörigkeit zum George-Kreis. Stauffenberg lebte noch in einer andern Welt, in der Welt Georges. Da galten andere, übergreifende Maßstäbe. Die Welt Georges kannte Recht und Gerechtigkeit. Dieser andere Maßstab hat Stauffenberg sehr geholfen und ermutigt.
Interview: Nicole Trodler und Wiebke Westphal

veröffentlicht am 10.10.2014 um 17:28 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 15:41 Uhr

Claus Schenk Graf von Stauffenberg
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„Es lebe das geheime Deutschland!“ - das waren Claus Schenk Graf von Stauffenbergs letzte Worte, bevor er in der Nacht zum 21. Juli 1944 nach dem missglückten Attentat auf Adolf Hitler hingerichtet wurde. Das „Geheime Deutschland“ ist eine gesellschaftliche Utopie, erdacht von dem Dichter Stefan George. Am Sonntagvormittag spricht der Historiker Dr. Edgar Herrenbrück um 11.15 Uhr bei der „Matinée in der Pfortmühle“ über die Verbindung zwischen diesen beiden Persönlichkeiten. Uns hat er vorab erklärt, wie groß der Einfluss des Dichters auf Stauffenberg war – und warum es „Operation Walküre“ ohne George womöglich nie gegeben hätte. Einen Auszug aus dem Interview können Sie hier lesen - den kompletten Text in der Samstagsausgabe der Dewezet oder im Premiumbereich.

 

Herr Dr. Herrenbrück – was ist das, das „Geheime Deutschland“?
Das „Geheime Deutschland“ verweist auf ein neues Deutschland, das Stefan George mit seiner Dichtung schaffen wollte. Es sollte ein Deutschland der Gemeinschaft sein, der heldisch-idealistischen Gesinnung, der Selbstlosigkeit und Tapferkeit. An der Spitze sollte der Dichter selbst als Führer stehen. Seine Anhänger, der sogenannte George-Kreis, seine „Jünger“, bildeten so etwas wie den Adel, der die Botschaften seiner Gedichte in die Tat umsetzen sollte. Der Begriff „Geheimes Deutschland“ wurde für George und seinen Kreis etwa seit 1910 wichtig, und besonders dann in den 1920er Jahren. Das damalige Deutschland, Kaiserreich und Weimarer Republik, erschien ihnen finster und kulturlos, oberflächlich und äußerlich. Für George war es die Zusammenschau von Antike, Christentum und germanischen Völkern, die die Substanz für das „Geheime Deutschland“ der Zukunft bot. Als Utopie gedacht, sollte dieser Staat Wirklichkeit werden. Kritisch muss man dazu sagen, dass das eine gänzlich unrealistische Vorstellung war. Eine aus der Vergangenheit geholte, idealisierte Welt sollte mit einem Dichter an der Spitze das Muster für ein neues Deutschland geben. Die damalige Gegenwart mit ihren Problemen der modernen Gesellschaft wurde einfach ausgeblendet, Rationalität und Individualität verachtet. Aber die 1920er Jahre hatten es eben in sich.

Wie kam es dazu, dass Stauffenberg sich in den Sekunden vor seinem Tod auf George bezog? Was verband die beiden Männer, die immerhin fast 40 Jahre Altersunterschied trennten?
George war zwischen 1900 und 1933 einer der berühmtesten Dichter Deutschlands, scharte einen Kreis von Freunden und Anhängern um sich. Claus und seine beiden älteren Brüder, die Zwillinge Berthold und Alexander, wurden im Jahre 1923 durch eine Freundin der Familie George zugeführt. George war sofort voller Zuwendung für diese Drei war. Man muss sich klarmachen: Claus war damals gerade einmal 15 Jahre alt. Einer von Georges „Jüngern“ schrieb zu der Zeit die Biografie eines Staufer-Kaisers, da war George natürlich begeistert, dass jetzt drei Stauffenbergs zu ihm kamen. Er sagte: „Das ist eine an Wunder grenzende Fügung.“ Er soll sogar gesagt haben, diese Jungen seien Nachkommen der Staufer.

Als wie groß schätzen Sie Georges Anteil an der Abkehr Stauffenbergs von Hitler ein?
Ich glaube, dass der Einfluss Georges auf Stauffenbergs Widerstand gegen Hitler und den NS groß war. Fakt ist aber, dass Stauffenberg von 1933 bis 1942 Hitler anerkannt, gelobt und auch respektiert hat. Noch Ende 1941, als der Russlandfeldzug schon im Gange war und die Grausamkeiten bereits zu erkennen waren, nannte er Hitler eine „überragende und willensstarke Persönlichkeit“. Erst 1942, als Stauffenberg Hitlers Fehler in der Heeresführung und die Verbrechen an der Zivilbevölkerung begriff, verurteile er ihn - und dann sofort radikal: „Hitler muss umgebracht werden!“. Den meisten Offizieren fehlte hierzu der Mut. Sie folgten Hitler bis zum Schluss. Ein Hauptgrund dafür war, dass sie auf Hitler einen Eid geleistet hatten. Den hatte natürlich auch Stauffenberg geleistet. Warum er dennoch zum Widerstand gekommen ist? Ich glaube, das lag an seiner Zugehörigkeit zum George-Kreis. Stauffenberg lebte noch in einer andern Welt, in der Welt Georges. Da galten andere, übergreifende Maßstäbe. Die Welt Georges kannte Recht und Gerechtigkeit. Dieser andere Maßstab hat Stauffenberg sehr geholfen und ermutigt.
Interview: Nicole Trodler und Wiebke Westphal



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