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Martina Gedeck gastiert am 24. September in Hämelschenburg – und spricht über Zeitdiebstahl und Muße

„Es ist wichtig, auch Dinge zu tun, die nutzlos sind“

Hämelschenburg. Sie zählt zu den bedeutendsten deutschen Schauspielerinnen und hat bereits etliche nationale und internationale Preise erhalten: Martina Gedeck. Die aus Berlin stammende Schauspielerin spielte unter anderem in den Kinoproduktionen „Das Leben der Anderen“ oder dem „Baader Meinhof Komplex“ mit. Beim Literaturfest Niedersachsen gastiert sie am Samstag, 24. September gemeinsam mit dem Kairos Quartett im Schloss Hämelschenburg. „Müßiggang – der Zeit Zeit geben“ heißt das Programm des Abends, das Gerhard Ahrens gestaltet hat. Beginn ist um 19.30 Uhr, eine Schlossführung wird um 18 Uhr angeboten.

veröffentlicht am 09.09.2011 um 14:53 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 09:21 Uhr

Liest beim Literaturfest unter anderem aus Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ und aus Houllebecqs „Elemen

Autor:

Julia Marre
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Frau Gedeck, wie viel Zeit nehmen Sie sich bei Ihrem Besuch denn fürs Weserbergland?

Ja, ich muss leider gestehen, dass ich nicht sehr viel Zeit bei Ihnen verbringen werde. Ich komme aus Köln angereist. Dort stecke ich gerade in den Dreharbeiten für eine romantische Komödie, die für den WDR produziert wird. Die letzten Monate habe ich es ruhig angehen lassen. Aber Sie erwischen mich jetzt gerade in den vier Wochen, in denen ich jeden Tag arbeiten muss. Deswegen werde ich erst am Samstag früh anreisen und am Sonntag schon zurückfahren.

Nehmen Sie denn vor Ihrer Lesung an der Schlossführung in Hämelschenburg teil?

Nein, ich werde mich lieber zurückziehen und vorbereiten. Am Vormittag gibt es bereits eine Generalprobe mit dem Kairos Quartett. Ich wäre auch zu unruhig so kurz vor meinem Auftritt. Die Texte haben es nämlich ganz schön in sich.

Dabei geht es ja um Müßiggang.

Ja, ich halte auch sehr viel vom Müßiggang. Es ist wichtig, dass man entspannt und Dinge tut, die nutzlos sind. Dinge, die eben keine Funktion haben und nicht zielgerichtet sind. Das gehört zum Menschsein dazu und ist ein großer Bestandteil dessen. Jeder muss dazu natürlich herausfinden, was ihm Spaß bereitet. Müßiggang ist immer auch eine Zeit, in der sich etwas in einem selbst setzt, in der etwas wächst. Manchmal braucht es diese Zeit des Müßiggangs, damit man als Mensch ungestört wachsen kann. Heute nennt man es oft Batterien aufladen. Aber es ist viel mehr. Außerdem schließt sich daran oftmals eine Zeit der Kreativität an. Das erlebe ich ganz stark.

Welcher nutzlosen Beschäftigung gehen Sie denn am liebsten nach?

Ich liege rum. Ich lese. Wobei lesen ja schon wieder eine sinnvolle Beschäftigung ist. Ich träume. Einfach herumliegend auf einer Wiese. Den Gedanken freien Lauf lassen. Das gehört für mich dazu. Ich bin jemand, der gerne spazieren geht und wandert, aber nicht zielgerichtet. Einfach loszumarschieren, das ist eine schöne Form der Ferien – vorausgesetzt ich weiß, wo ich übernachten werde.

Gibt es auch eine Tätigkeit, von der Sie sich nur ungern Ihre Zeit stehlen lassen?

Ja, die gibt es: Kleidung aufräumen hasse ich geradezu. Wenn ich von Reisen mit zwei Koffern zurückkomme und alles sortieren und ordnen muss. Kleidung und der Umgang mit Kleidung ist etwas, das mir sehr schwerfällt. Überhaupt: Kleine Dinge sortieren – das mache ich nur sehr ungern. Und es liegt wohl am Beruf, dass ich es tun muss: diese Häufchen von Haarnadeln wegräumen, Taxiquittungen ordnen. Dazu brauche ich Tage.

Und Dinge wie das Einräumen des Kleiderschranks sind ja auch ganz und gar spaßfrei.

Ja, es nimmt einfach unheimlich viel Zeit weg. Die Kleidung in den Schrank zu hängen, ist für mich der Inbegriff des Überflüssigen. Ich habe schon oft gedacht, ich hätte gern nur ein Gewand in 10 bis 20 Ausführungen.

Abgesehen von dem undankbaren Job am Kleiderschrank: Versuchen Sie manchmal, sich lästigen Zwängen oder der Schnelligkeit unserer Gesellschaft zu entziehen?

Ja. Etwas wie E-Mails halte ich mir, sofern es geht, weit weg. E-Mail-Verkehr reduziere ich auf ein Minimum. Telefonisch bin ich hauptsächlich für Freunde und Verwandte erreichbar. Ich kann das dadurch, dass ich eine Agentin habe. Viele Aufgaben delegiere ich. Für meine Arbeit muss ich Zeit haben. Ich fange sehr früh an, mich auf einen Film vorzubereiten, damit ich möglichst wenig inneren Druck aufbaue. Sechs bis acht Wochen vor Drehbeginn lerne ich Texte, jeden Tag eine Stunde lang. So kann ich das in meinen Alltag integrieren, ohne Druck. Im letzten Jahr habe ich zwei Filme parallel gedreht und bin von einem Set zum nächsten geflogen. Auch da habe ich versucht, mich in stillen Momenten zurückzulehnen, mich zu entspannen und mal zehn Minuten zu schlafen. Aber auch für eine Lesung wie die in Hämelschenburg gilt: Ich beginne früh genug damit, mich mit den Texten zu beschäftigen.

Das Thema scheint Ihnen ja sehr zu liegen. Haben Sie das Programm mitgestaltet?

Interessanterweise ist das eine Thematik, die vorgegeben war: Muße im Gegensatz zur Leistungsgesellschaft. Müßiggang auszuüben, ist eine Kunst, die gezielt eingesetzt zu einer besseren Lebensqualität führt. Das spielerische Lernen ist wichtig. Man muss sich die Fragen stellen: Was macht Spaß? Wozu habe ich Lust? Wenn ich zu gar nichts Lust habe, kann ich einfach daliegen und zuschauen, wie sich die Vorhänge im Wind bewegen. Aber natürlich habe ich auch oft Lust, etwas zu unternehmen. Wichtig ist, dass man auf seinen Körper hört.

Wie es der faulenzende Titelheld Oblomow tut in Gontscharows Roman, aus dem Sie vorlesen werden?

Ja, genau. Müßiggang ist die Mutter der Fantasie. Es gibt sehr schöne Aphorismen wie diese in der Lesung. Otfried Preußlers Märchen vom starken Wanja etwa, der sieben Jahre lang auf der Ofenbank liegt und sich ausruht, ehe er gegen ein Ungeheuer kämpft. Wir in Deutschland neigen dazu, uns selbst gern zu überfordern, zu viel leisten zu wollen, zu aktiv sein zu wollen. Aber manchmal verbaut man sich Dinge, weil man zu aktiv ist. Wir haben nicht alles in der Hand. Man sollte sich darauf verlassen, dass es auch noch das Leben gibt, dass man manchmal einfach passiv sein muss.

Haben Sie die Texte für die Lesung selbst ausgewählt?

Nein, der von mir sehr geschätzte und geehrte Dramaturg Gerhard Ahrens arbeitet für das Literaturfest mit uns zusammen. Er hat die Auswahl getroffen. Die Beiträge kommen aus allen Ecken. Es ist viel Philosophisches dabei. Es geht quer durch die Literaturgeschichte – von der Antike über die Romantik bis heute gibt es fast niemanden, der sich nicht zum Thema Zeit oder Müßiggang geäußert hat.

In Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, aus dem Sie auch lesen werden, macht Romanheld Ulrich ein Jahr lang Urlaub vom Leben. Wäre das auch etwas für Sie?

Ich kann mir schon vorstellen, mal etwas ganz anderes zu machen. Allerdings nicht zurzeit. Aber mich von den eingefahrenen Bahnen meines Lebens loszusagen, ist etwas, das ich schon lange versuche. Es ist mir sehr wichtig, dass immer etwas Neues hinzukommt. Wenn man zum Beispiel etwas Neues lernt und ganz von vorne anfängt: Sei es eine Sprache oder ein Instrument oder Sport. Ich habe für Filme segeln, italienisch, Kochen oder Klavierspielen gelernt. Meinen Erfahrungsschatz würde ich nur ungern aufgeben wollen. Ich kann zum Beispiel nicht von mir behaupten, die Welt gesehen zu haben. Es kann also durchaus passieren, dass ich mal ein Jahr lang nur herumfahren möchte. Im Moment aber erlebe ich so viel innerlich, durch die Arbeit, die Reisen im Kopf, dass ich keinen Urlaub vom Leben nehmen möchte.



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