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Nach Hitler taucht auch Mussolini wieder auf – oder war er nie weg?

Er ist wieder da

ROM. Ein kahlköpfiger Mann in stramm sitzender Uniform und Stiefeln fällt buchstäblich vom Himmel, mitten ins heutige Rom: Mehr als 70 Jahre nach seinem Tod ist Italiens faschistischer Diktator Benito Mussolini zurückgekehrt – zumindest in einer neuen Filmkomödie. „Sono Tornato“ (dt. „Ich bin wieder da“) läuft seit Donnerstag in den italienischen Kinos, mitten in der heißen Wahlkampf-Phase für die Parlamentswahlen am 4. März.

veröffentlicht am 02.02.2018 um 12:38 Uhr

In der italienischen Filmkomödie „Sono Tornato“ treibt Diktator Mussolini sein Unwesen in der italienischen Hauptstadt. Foto: dpa

Autor:

Alvise Armellini
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„Im Gegensatz zu den Deutschen haben die Italiener nie mit ihrem Diktator abgeschlossen. Es ist so, als ob sie einfach abtun, wie gefährlich er war, als ob sie die Lehren aus der Vergangenheit vergessen hätten“, sagte Regisseur Luca Miniero bei einer Pressevorstellung. Die Macher haben den deutschen Kassenschlager „Er ist wieder da“ auf das südeuropäische Land umgemünzt: Statt des Diktators Adolf Hitler treibt Mussolini sein Unwesen in der italienischen Hauptstadt. Die deutsche Vorlage basierte auf dem gleichnamigen Bestsellerroman von Timur Vermes. Darin beschreibt Vermes, wie Hitler im heutigen Berlin aufwacht und als Fernsehstar rasant an Popularität gewinnt.

Während das deutsche Original den subtileren Ton eines fiktionalen Dokumentarfilms anschlägt, ist „Sono Tornato“ eine konventionellere Komödie mit Slapstick-Einlagen. Einige Szenen im Stil einer versteckten Kamera zeigen Passanten, die den vermeintlichen Mussolini mit faschistischen Handgesten grüßen. „Im deutschen Film sind die Deutschen beinahe entsetzt, wenn Hitler auftaucht; in Italien fragten die Leute nach Selfies“, sagt der Schauspieler Massimo Popolizio, der in die Rolle des Duce schlüpfte. „Während wir Interviews gaben, fiel mir eine tiefe Sehnsucht nach einer Zeit auf, die die Leute gar nicht erlebt haben“, meint Nebendarsteller Frank Matano.

Unter dem faschistischen Regime (1922 bis 1943) ließ Mussolini politische Gegner verhaften und führte 1938 Gesetze gegen die jüdische Bevölkerung ein. Im Zweiten Weltkrieg schlug sich Mussolini auf die Seite des NS-Regimes. Von 1943 bis 1945 führte er in Norditalien einen nationalsozialistischen Marionettenstaat. Sein Versuch, zu Kriegsende mit seiner Geliebten in die Schweiz zu fliehen, scheiterte: Partisanen erkannten und töteten ihn. Seine Leiche wurde auf einem Platz in Mailand aufgehängt.

Doch auch nach 70 Jahren ist das Erbe seines Regimes noch deutlich sichtbar: In vielen Städten prangen immer noch faschistische Slogans an Gebäuden aus der Mussolini-Ära. Erinnerungsstücke gibt es in Geschäften und Märkten zu kaufen, rechtsextreme Randgruppen können ungehindert ihre faschistischen Parolen ausgeben. Im vergangenen Jahr scheiterte ein Gesetzentwurf, der die öffentliche Zurschaustellung von nationalsozialistischen und faschistischen Symbolen unter Strafe stellen sollte. „Viele Italiener sehen den Faschismus als ein geschichtliches und nicht als politisches Thema. Dies rechtfertigt das Sammeln von Erinnerungsstücken aus dieser Zeit. Dies zu kriminalisieren wäre freiheitsfeindlich, dumm und kontraproduktiv“, sagt Marco Tarchi, Politikwissenschaftler und Experte für Rechtsextremismus an der Universität Florenz.

Der Chef der rechten Lega-Nord-Partei, Matteo Salvini, sagte kürzlich, dass unter faschistischer Herrschaft „viele (gute) Dinge“ geschehen seien, wie Rentenreformen und öffentliche Bauprogramme. Gleichzeitig verurteilte er die Verfolgung der Juden unter dem Regime.

„Sono Tornato“ soll kein ideologisch aufgeladener Film sein, sagen die Macher. Ziel sei es vielmehr gewesen, durch die Figur Mussolini die vorherrschenden Wesenszüge der italienischen Gesellschaft aufzudecken. „Seine Laster, sein Zynismus, seine Bösartigkeit sind ein Spiegelbild unserer Laster, unseres Zynismus, unserer Bösartigkeit“, sagt der Drehbuchautor Nicola Guaglianone.

Die Macher des Films hoffen auf ein großes Publikum. Einen bekannten Fan gibt es bereits: Mussolinis Enkelin Alessandra. Sie ist Abgeordnete im Europäischen Parlament für die konservative Partei Forza Italia. „Es ist ein Film, der meinem Großvater nicht Dinge in den Mund legt, die er nie gesagt hat, sondern nur die Reaktionen der Menschen aufzeichnet, die ihn lebendig sehen“, sagte sie der Nachrichtenagentur Adnkronos.



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