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Kurt Masur und das London Philharmonic Orchestra gastierten in Hannover

Er bleibt ruhig – selbst wenn das Publikum aus dem Häuschen gerät

Hannover. Dmitrij Schostakowitsch gehört zweifellos zu den führenden Komponisten des 20. Jahrhunderts, auch wenn sein Wirken in seiner Heimat nicht immer begünstigt war. Heute stehen viele Werke seines umfangreichen Schaffens auch bei uns auf den Opern- und Konzertplänen, ja, einige, etwa die „Jazz-Suiten“ sind geradezu Bestandteil von Wunschkonzerten. Unter den 15 Sinfonien nimmt die Nr. 7, C-Dur, opus 60, die sogenannte „Leningrader“, einen herausragenden Platz ein. 1941/42 im belagerten Leningrad komponiert, ist sie nicht nur wegen ihrer Entstehungsgeschichte berühmt, sondern von ihrer Qualität, ihrer künstlerischen Aussage her ein Meisterwerk. Der Rezensent hörte sie einmal im damaligen Leningrad, gespielt von den Leningrader Philharmonikern unter der Leitung von Maxim Schostakowitsch, dem Sohn des Komponisten. Es war ein überwältigendes Erlebnis!

veröffentlicht am 09.09.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 21:21 Uhr

Erntete in Berlin 15-minütigen Beifall: Kurt Masur.

Autor:

Ernst-Wilhelm Holländer
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Ein solches wurde nun auch die Aufführung im Kuppelsaal des Congress-Centrums Hannover durch das London Philharmonic Orchestra unter Kurt Masur. Die Sinfonie stand als einziges Werk auf dem Programm, und wahrlich, was hätte man ihr voranstellen können? Sie hat allein riesige Dimensionen, dauert rund 75 Minuten!

Alle Voraussetzungen waren gegeben: Das reich besetzte Londoner Orchester ist in allen Bereichen kundig und qualifiziert, und was soll man noch zu dem Grand-Seigneur unter den Dirigenten, Kurt Masur, sagen, der mit seinen 82 Jahren nichts an Ausstrahlung, Inspiration und Einsatzfreude vermissen lässt? Und gerade dieses außergewöhnliche Werk ist ihm offenkundig Herzensangelegenheit.

Berühmt geworden von der „Leningrader“ Sinfonie ist der Mittelteil des Kopfsatzes: ein „Ostinato“, das sich immer mehr bis zum „Furioso“ steigert, immer bedrohlicher durch einen Trommelrhythmus grundiert (hohes Lob dem bis zum Äußersten geforderten Trommler-Ensemble), und schließlich in der Lautstärke bis an die Schmerzgrenze gerät. Umso eindrucksvoller die Rückkehr zur lyrischen, friedlichen Stimmung, die auch in den Mittelsätzen dominiert, vom Dirigenten und dem Orchester mit vielen hervorragenden solistischen Einsätzen feinsinnig zelebriert. Die üppig besetzte Streichergruppe schwelgt geradezu, in allen Gruppen wird präzise, oft mit Emphase musiziert, und man hat den Eindruck, dass die Orchestermusiker Freude an der großen Aufgabe empfinden. Freilich: In dieser Sinfonie gibt es auch nicht nur „himmlische“ Längen, aber man bewundert die Stimmungsmalerei, die oft in berückendem Pianissimo gehalten ist, manchmal kaum noch hörbar.

Mitreißendes Finale

Der als Scherzo gedachte zweite Satz hat überwiegend Lyrisches, aber auch Auftrumpfendes, das Adagio besticht durch viele instrumentale Feinheiten und leitet über in den umfangreichen Schlusssatz, der sich auftürmt zum vom schweren Blech und Schlagzeug geprägten Finale, das als „Sieg“ wohl etwas zu pompös und überzogen wirken mag, aber eben doch begeistert und mitreißt.

Kurt Masur ist kein Pultstar, der große Posen und Gesten nötig hat. Eigenartig fast, wie er in dem gewaltigen Crescendo des Kopfsatzes äußerlich ruhig bleibt, nur mit kleinen Handbewegungen steuert. Man müsste ihn wohl aus der Nähe beobachten, um zu merken, wie er bis an die Grenzen innerlich bewegt ist. Er betrachtet sich eher als „Diener am Werk“, und der wirkt nun einmal nicht nach außen. Masur geht mit „seinem“ Londoner Orchester auf Europa-Tournee, im Gepäck diese bewegende, zuweilen bestürzende Sinfonie, die auch jene Hörer erreicht, die mit zeitgenössischer Musik wenig anfangen können. In Berlin schon geriet das Publikum aus dem Häuschen. So gab es auch in Hannover wahre Ovationen für den Dirigenten und das Orchester – und wohl auch für den Komponisten und sein Werk.



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