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„Was ihr wollt“ jetzt als Tanz: Nach Schauspielpremiere bringt Ballettchef Jörg Mannes Shakespeares starkes Stück auf die Bühne der Staatsoper

Emotionen freilegen

Hannover. Der Reiz dieser Komödie ist ihre ungeheure Leichtigkeit und Tiefe“, sagt Jörg Mannes über „Was ihr wollt“. „Wobei die Leichtigkeit, wie stets bei Shakespeare, die größere Herausforderung ist – vor allem bei einer Komplettübersetzung in ein anderes Medium.“

veröffentlicht am 30.10.2015 um 09:47 Uhr
aktualisiert am 26.10.2016 um 08:53 Uhr

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Autor:

Daniel Alexander Schacht
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Nichts Geringeres hat der Ballettdirektor der Staatsoper Hannover vor. Statt, wie in der Dramenvorlage, aus Rede und Gegenrede soll sich die Handlung durch Körperausdruck und Tanz entwickeln. „Man wird dabei nicht einfach Tänzer auf der Bühne sehen, sondern Personen, die Menschen verkörpern - und eben tanzen.“

Die Leichtigkeit liegt bei „Was ihr wollt“ in der spielerischen Eleganz, mit der Shakespeare den Plot entfaltet, jene Geschichte der Viola, die schiffbrüchig auf der Insel des Herzogs Orsino landet, sich bei diesem in Männerkleidern als Diener verdingt und sich auch prompt in ihn verliebt – obwohl er sie als Liebesboten zur von ihm angebeteten Gräfin Olivia schickt, die sich ebenso prompt in Viola verliebt. Stoff genug also für mehr als nur komödiantische Verwicklungen mit thematischem Gewicht: Immerhin setzt Shakespeare damit vor 400 Jahren Standesgrenzen und Geschlechterklischees, die noch viel später als ehern galten, kurzerhand außer Kraft. Und etabliert das Urmodell der romantischen, alle Grenzen sprengenden Liebe, der Emotion, die ihr ganz eigenes Recht fordert.

„Emotionales lässt sich, anders als Abstraktes, ohne Worte recht gut verkörpern“, sagt Mannes. Denn eine Sprache ist ja auch die Körpersprache, die unwillkürlich mehr über einen Menschen verraten kann als Worte. „Samy Molcho schreibt, dass beim Small Talk auf Partys die Fußspitzen der Gesprächpartner meist auf jene Person weisen, mit der man eigentlich sprechen will.“ Samy Molchow, das ist jener große Körpersprachexperte, der

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  • ballettdirektor Jörg Mannes Tim Schaarschmidt

Mit einer Körpersprache, die ausplaudert, was man sonst vielleicht verschweigen würde, die Motive und Emotionen der Figuren freilegt, soll die 30-köpfige Balletttruppe der Oper nach den Plänen von Jörg Mannes gerade die besonders kitzligen Momente dieses Stücks meistern. Etwa jenen Augenblick, da Orsino mit Viola anbändelt, obwohl er sie für einen Mann hält. „Shakespeare geht da weit über Klischees von Homo- oder Heteroerotik hinaus“, sagt Mannes, „und fragt, ganz ohne Prüderie und unabhängig von Geschlechtern, was Liebe ist, wie sie entsteht und sich auswirkt, er stellt also die ewige Frage.“ Ewige Frage, großer Aufwand: Einstudiert wird das Ganze gleich mit zwei kompletten Besetzungen, die im Wechsel zu sehen sein werden – „denn wir haben eine große Zahl exzellenter Leute in der Kompanie“, sagt der Ballettdirektor.

Mannes, Jahrgang 1969 und seit 2006 Ballettdirektor in Hannover, wirft solche Fragen praktisch immer ohne Worte auf – durch körpersprachlichen Ausdruck, in einer Sprache also, die international verständlich ist. International war der gebürtige Wiener, der dort mit acht Jahren an der Ballettschule der Staatsoper angefangen hat, ohnehin schon viel unterwegs. Er war als Tänzer in London, New York und Paris, hat als Choreograph in Indianapolis, Montreal und Moskau sowie vielerorts in Deutschland inszeniert.

Mit „Was ihr wollt“ nimmt er sich zum dritten Mal ein Shakespeare-Stück vor. Wie schon beim „Sommernachtstraum“ (2010 in Hannover) geht er auch hier frei mit dem Stoff um, etwa indem er auf der burlesken Spielebene der Dienstboten einen Zirkus einführt. Und wie zuvor setzt Mannes hier ebenfalls eine weitere weltweit verständliche Sprache ein: die Musik. In dieser Inszenierung werden Schostakowitsch, Prokowjew und Dvorak zu hören sein. Darunter Passagen von Prokowjews Musik zu der bizarren (Film-)Geschichte „Leutnant Kije“, außerdem Auszüge aus Dvoraks populärer Streicherserenade op. 22. und nicht zuletzt die Komposition „Hypothetically Murdered“ von Dmitri Schostakowitsch. „Den mag ich irrsinnig“, sagt Mannes, „und dieses Stück ist roh und zugleich doch raffiniert, passt mit seinem Witz und durchaus auch seiner Bösartigkeit wunderbar zu Shakespeares Figurenschilderung.“

Und was hofft Jörg Mannes mit seiner Inszenierung beim Publikum auszulösen? „Wer noch nie Shakespeare gesehen hat, sollte zumindest einen guten Eindruck mitnehmen können“, sagt der Tanztheatermacher. „Wer das Stück kennt, sollte explizit vor Augen geführt bekommen, welchen Blick wir hier darauf werfen. Und Shakespeare-Experten werden sich vielleicht wundern, was wir aus dem Stück herausholen.“

Man kann also gespannt sein. Auch auf das Bühnenbild von Thomas Rupert. Da werden Seile eingesetzt, die bei Violas anfänglicher Landung auf der Insel das Wasser markieren – und später Säulen bilden, die den Auftrittsraum definieren. Und man wird in Hannover jetzt vergleichen können – die Sprechtheater-Version von Marius von Maienburg hatte Anfang Oktober am Schauspiel Premiere. Und die Ballettinszenierung folgt Mitte November in der Staatsoper.

„Was ihr wollt“. Komödie von William Shakespeare. Premiere am 14. November in der Staatsoper Hannover. B-Premiere am 21. November, weitere Termine in diesem Jahr: 26. November, 13. und 29. Dezember, Beginn jeweils um 19.30 Uhr, am 13. Dezember bereits 18.30 Uhr.

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