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E-Mail auf E-Mail: Ich habe mich in Ihre Worte verliebt

Hameln. Daniel Glattauers Welthit "Gut gegen Nordwind" jetzt auch auf Hamelns Bühne. Theaterdirektorin Dorothee Starke hat die berühmte E-Mail-Liebesgeschichte inszeniert und mit den beiden Darstellern Heike Eulitz als Emmi und Martin Kemner als Leo zwei blendende Schauspieler, die das virtuelle Spiel so leise wie intensiv gestalten. "Hinreißendes Theater", wie unser Kritiker Richard Peter in seiner Besprechung schrieb.

veröffentlicht am 15.06.2012 um 12:58 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 03:41 Uhr

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Von Richard Peter

Hameln. Eine alte Geschichte ganz neu und mediengerecht modern verpackt. Was früher als Briefroman für Furore sorgte und zuletzt als „Geliebter Lügner“ mit Shaw-Briefen die Bühnen der 60er-Jahre eroberte – hat Daniel Glattauer mit seinem „Gut gegen Nordwind“ reizvoll wiederbelebt.
 Ein Tippfehler, ein verdrehter Buchstabe – und die Abo-Kündigung des Magazins „Like“ landet bei einem gewissen Leike. Initialzündung für E-Mails, aus denen Vertrautheit und Liebe entsteht, die überraschend – und wieder ist ein Buchstabe schuld und ein Emmi statt Emma – scheitert. Das System schaltet sich aus. Ende einer Liebesbeziehung, die, bei aller Intensität, nur virtuell bestand. Liebende, die sich nie gesehen, gefühlt, gerochen haben.
 „Ich habe mich in Ihre Worte verliebt“ mailt Leo und bekennt: „Schreiben ist küssen mit dem Kopf“ – so auch der Titel des medialen Stücks, das am Donnerstagabend in der Inszenierung von Dorothee Starke im TAB Premiere hatte und zuletzt mit stehenden Ovationen gefeiert wurde.
 Ein Phänomen: Glattauer, bekannt geworden durch seine „Einserkastl“ – Kolumnen der Wiener Zeitung „Standard“ auf der ersten Seite – gelang bereits zur Jahrtausendwende mit „Der Weihnachtshund“ ein Welterfolg, der auch verfilmt begeisterte. „Mit „Gut gegen Nordwind“ dann ein Superhit. Über drei Millionen verkaufte Glattauer-Bücher sind es mittlerweile und in vierzig Sprachen übersetzt.
 Trotz dieser Erfolgsbilanz, hat der Autor noch keinen nennenswerten literarischen Preis erhalten, wird er vom Feuilleton kaum zur Kenntnis genommen. Vermutlich nehmen die Kollegen den Kollegen nicht ernst, der vom Journalismus zur Schriftstellerei wechselte. Erfolg ist in der „ernst zu nehmenden“ Literatur vermutlich nicht vorgesehen. Was Glattauer nicht stört, weil er sich zum „leicht lesbaren Stil“, bekennt.
 Was ihm Spaß macht, dem Beziehungsschriftsteller, der schon als Jugendlicher in Wien als „Schriftling vom Laaer Berg“ bezeichnet wurde, weil er versuchte deutsch, statt wienerisch zu sprechen, ist, sich in die Figuren zu versetzen. Neu an „Nordwind“ im Gegensatz zum alten Briefroman, dessen Tempo von der Post bestimmt wurde – sind die ständigen Rhythmuswechsel. Kurze und längere Passagen – oft im Minutentakt, dann wieder Schreibpausen.  So wenig sich Briefe, Mitteilungen – und natürlich auch E-Mails – als dramatische Vorlagen anbieten: Glattauer gelingt ein kleines Wunder, das unsere Theaterdirektorin noch zusätzlich spannend macht – und mit Heike Eulitz als Emmi und Martin Kemner als Leo zwei Schauspieler hat, die sich ideal ergänzen. Den Spagat zwischen Rolle, Spiel und Vorführung perfekt beherrschen.  Zwei Figuren – isoliert auf ihren Bühnenbild-Inseln als Mini-Wohnlandschaften (Andreas Lask) – im steten Dialog via Laptop. „Während der eine spricht, hört der andere bereits zu. Kommentiert mimisch, was er hört. Spiel im Spiel gewissermaßen – keine Rollen im theatralischen Sinn. Doppelfunktion.
 Dennoch: unendliche Gefühle, die Glattauer, der Menschenversteher, brillant einsetzt. Immer zu spüren: Dass er Spaß hat, sich in diese Figuren zu versetzen. Und denselben Spaß scheint auch Dorothee Starke und ihre beiden Darsteller gehabt zu haben, die dennoch zurückgenommen agieren, sozusagen: Virtuell – und nur hin und wieder große Gefühle und kleine Ausbrüche zulassen.
 Ein wohltuend leises Spiel als Gratwanderung. Und Wünsche, die nicht zwingend gewollt werden in diesem Zustand, in dem sich „Traumpartner zusammen fantasieren“. Aber immer die Sehnsucht nach der großen Liebe – und die Angst davor.
 Dorothee Starke hat mutig gekürzt, klug gestrafft und lässt pausenlos spielen. Hinreißendes Theater.

 4 Weitere Aufführungen: 22. Juni, 16. Oktober, 27. November und 15. Januar 2013, jeweils 20 Uhr.



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