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Boogie und Balladen: Paul Millns im TAB

Elefanten-Dung als Metapher fürs Leben

Hameln. Paul Millns ist 15 Jahre alt und wie verzaubert, als er das erste Mal Ray Charles im Radio hört. Das klingt in seinen Ohren viel besser als Cliff Richard oder Billy Fury. Er trampt von Norfolk nach London, sieht Anfang der Sechziger eines von Charles’ ersten Konzerten in England. Fortan will er selbst auf den Bühnen dieser Welt spielen. Als Pianist begleitet er so großartige Musiker wie den Folkgitarristen Bert Jansch, den Singer/Songwriter Ralph McTell, die britischen Bluesväter Alexis Corner und John Mayall, die Animals-Röhre Eric Burdon, das wunderbare Walross David Crosby und den genialischen, viel zu früh verstorbenen John Martyn. In Deutschland gewinnt er durch einen Rockpalast-Auftritt vor 30 Jahren bescheidene Popularität.

veröffentlicht am 07.11.2010 um 17:20 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 11:21 Uhr

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Autor:

Martin Jedicke
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So reicht am Freitagabend für den Publikumsandrang im Hamelner Theater auch das TAB. Schön dabei natürlich die Nähe zum Künstler, der den konzentrierten Zuhörern einen unvergesslichen Abend bereitet. Kenner seiner inzwischen ein knappes Dutzend umfassenden Diskografie werden vielleicht bei dem einen oder anderen Song seine famose Band vermissen. Doch die Gesang/Piano-Soloshow hat ihren ganz eigenen Charme. In dialektfreiem Oxford-English führt Millns anekdotenreich durch sein Programm. Herrlich die Überleitung zum Titelsong der neuen CD „Calling All Clowns“, wenn melancholische Kindheitsreminiszenzen an Zirkusbesuche ironisch gebrochen werden durch eine Erinnerung an einen riesigen Haufen Elefanten-Dung mitten in der Manege, um den die Artisten elegant herumtanzen, als sei nichts gewesen. Eine treffende Metapher für das Leben, sinniert Millns augenzwinkernd.

Zwischen swingendem Boogie, Singer/Songwriter-Pop auf einer Blues-Basis, souligem Rhythm’n’Blues und zarten Balladen, zwischen Sarkasmus, englischem Humor und stiller Nachdenklichkeit oszillieren Millns’ Lieder, die in ihrem beißenden Spott mitunter an Randy Newman erinnern. Bei den flotteren Songs gibt Millns’ Fußstampfen den Takt vor. Seine Hände entlocken den Tasten des Flügels Melodien, die auch einem Elton John gutstünden. „Put On A Sunny Hat“ wäre ein schönes Coverangebot für Joe Cocker. Ob Millns mit dem „Undercover Man“ sich selbst meint? Ist der Engländer mit der nasal-angerauten Stimme doch einer der vielen großen Unbekannten im Musikbusiness. Paul Millns aber hat ein Alter erreicht, das sich ein fröhlich-mildes Schulterzucken im Angesicht der Kalamitäten dieser Welt leisten kann. Der ganze Wahnsinn des Lebens, der sich in Cliff-Richard-Songs eben nicht finde, wie Millns anmerkt. Da schließt sich der Kreis.

Gilt als einer der großen Unbekannten im Musikbusiness: Paul Millns. Foto: jed

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