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Gefeierte Premiere in Hannovers Staatsoper: Leo¨ Janáceks wohl beste Oper „Aus einem Totenhaus“

Eine schonungslos inszenierte Männersache

Hannover. Der Schauplatz: ein sibirisches Straflager. Die Gefangenen auf engstem Raum zusammengepfercht, ohne Chance auf Privatsphäre. Der Willkür und den Erniedrigungen durch das Wachpersonal ausgesetzt. Ein Dasein, das Gewaltfantasien und Aggressionen weckt. Oder in autistische Gleichgültigkeit mündet. So schildert Dostojewski seine vierjährige Haft im sibirischen Semipalatinsk. Die „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“ bilden die personengetreue Vorlage für Janáceks Oper, die in der Staatsoper in der Inszenierung von Barrie Kosky eine gefeierte Premiere erlebte.

veröffentlicht am 17.03.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 09:41 Uhr

Autistische Gleichgültigkeit: Ensemble, Chor und Statisterie als

Autor:

Karla Langehein
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Brutale Schlägereien und Neid auf Besseres

Das Bühnenbild (Katrin Lea Tag) kommt ohne Aufbauten aus. Auf der nach hinten ansteigenden hellgrauen Fläche hocken dicht gedrängt etwa 60 Männer, deren hellgraue Bekleidung sich im Lauf der Zeit an vielen Stellen blutrot färbt. Brutale Schlägereien, sexuelle Fantasien, Vergewaltigungen und Neid auf alles, was besser ist – sei es der „Herr“ Gorjancikov oder der Sträfling Aljeja, dem Gorjancikov Lesen und Schreiben beibringen möchte. Aljeja zahlt am Ende dafür mit seinem Leben. Dazwischen: Sehnsucht nach Freiheit, symbolisiert durch den Adler, den „Zar der Lüfte“, bitterer Humor und Aufbegehren gegen den Platzmajor sowie ein wahnwitziges Theaterspiel.

Barrie Kosky scheut vor Deutlichkeiten nicht zurück. Er inszeniert mit der notwendigen Schonungslosigkeit, findet Bilder, die im Gedächtnis haften bleiben: Dazu zählt der monotone Zehn-Schritte-vor-, Umdrehen-, Zehn-Schritte-zurück-Exerziermarsch der Häftlinge, der mit seinen sich kreuzenden Reihen entfernt an Queen’s Birthday erinnert. Erinnerungsträchtig auch die aus zahllosen Eimern entsorgte braun-breiige Masse, deren Gestank man zu riechen meint. Einzig die Blümchen, die gegen Ende aus dem Bühnenboden sprossen, wird man wohl besser vergessen.

Die 19 Solisten wären noch schwieriger voneinander zu unterscheiden gewesen, hätte Barrie Kosky nicht fast einem jeden so charakteristische Eigenheiten angeheftet, wie dem während zwei Stunden fast bewegungslos am Bühnenrand sitzenden Alten Sträfling (Edgar Schäfer). Dem Adler (Theo Hapke). Dem Herrn Gorjancikov (Jin-Ho Yoo). Aljeja (Janos Ocsovai). Skuratov (Ivan Tur¨ic) sowie Brian Davis als ¦i¨kov. Sie alle, auch die 28 Herren des von Dan Ratiu hervorragend vorbereiteten Opernchores, erfüllten ihre in tschechischer Sprache auszuführenden und nicht zuletzt deshalb besonders schwierigen Aufgaben mit großer Spannung und Überzeugungskraft.

Eindringliche Instrumentierung

Und im Orchestergraben erblühte die wunderbare Musik Janáceks, dessen letzte Oper nicht umsonst als seine beste apostrophiert wird. Wolfgang Bozic gelang eine sehr eindringliche, die Farben ihrer lautmalerisch psychologisierenden Instrumentierung betonende Wiedergabe der vielschichtigen Partitur. Am Ende gab es jubelnden Beifall, in dem sich das Grauen über den mancherorts noch immer aktuellen Inhalt mit der Bewunderung dieser runden und überzeugenden Ensembleleistung mischte.

Die weiteren Termine: am Donnerstag, 26. März, am Sonntag, 29. März, Samstag, 4. April.



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