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Stefan Zweigs berühmte Novelle als Puppenspiel im Theater Hameln

Eine Art Schachvergiftung

Hameln. So faszinierend – immer wieder neu und überraschend: die suggestive Kraft der Puppen. Scheinbar leblose Figuren, die quasi unter der Hand ein eigenwillig-vertracktes Eigenleben entwickeln. Den Spieler daneben vergessen lassen. Und die „Bühne cipolla & metropol-ensemble Bremen“ am Mittwoch- und Donnerstagabend im Theater Hameln zu Gast, verzichtet aufs Versteckspiel samt Illusions-Illusion – zeigt sympathisch offen die Technik, mit der gespielt wird. Das trägt zwar nicht immer, erlaubt aber extrem spannende Momente. Die Stille als Erlebnis und Schulklassen, die hier - wenn auch nur hier – die sprichwörtlich fallende Stecknadel hätten hören lassen.

veröffentlicht am 11.02.2016 um 14:31 Uhr
aktualisiert am 25.10.2016 um 10:29 Uhr

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Autor:

Richard Peter
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Es beginnt – so ganz anders als bei Stefan Zweig und seiner berühmten „Schachnovelle“, die Goethes Forderung nach einer „unerhörten Begebenheit“ perfekt bedient und damit so zwingend reizvoll für Schulen macht – mit einer Ratte, die skurril-charmant in die Geschichte einführt. Schon hier Sprache als extreme Ausdrucksform und Sebastian Kautz, der das Spiel fast im Alleingang mit Regie, Bühne, Spielfassung und als Meister der Puppen, die beeindruckend von Melanie Kuhl gebaut wurden, bewältigt.

Nahezu nahtlos der Übergang von Erzählratte zum Millionär als sprechender Rettungsring, der den Schachweltmeister Czentovic – reduziert auf eine leblose Puppen-Attrappe – herausfordert. Erst dann die eigentliche Geschichte des Dr. B., der sich schälend und verpuppend zurückverwandelt in seine Zeit in einem Wiener Gestapo-Gefängnis, wo er dem Irrewerden durch Verhöre und erzwungene Stille nur entkommt, weil er Meisterpartien aus einem entwendeten Schachbuch nachspielt. Zuletzt aber beginnt, eigene Partien gegen sich selbst zu spielen – eine „Paradoxie, wie über seinen eigenen Schatten zu springen“, wie es bei Zweig heißt. Ein Nervenfieber als Folge dieser Art Schachvergiftung, die allerdings auch zu seiner Entlassung führt. Auch seiner Rettung.

Zweig schrieb seine Novelle 1941 im brasilianischen Exil kurz vor seinem Selbstmord. Dr. B,s abrupter Abbruch seiner Partie mit dem Schachprofi symbolisiert für den Schriftsteller auch die Hilflosigkeit gegenüber dem faschistischen Terror, vor dem er selbst fliehen musste. Bei der berüchtigten Bücherverbrennung der Nazis wurden auch Zweigs Werke pathetisch „den Flammen übergeben“.

Das Spiel, das hier mit allen Mitteln Spiel ist, wird instrumental begleitet. Mit dem Bandoneon wird von Gero John Schiff und Wasser auf der Reise von New York nach Buenos Aires illustriert und mit dem Cello Stimmungen gezaubert und Akzente gesetzt. Und besonders eindrucksvoll die schwebenden Klänge der „singenden Säge“.

Ein gut einstündiger, pausenloser Parforceritt mit viel spielerischer Fantasie, die das Spiel allerdings manchmal etwas überstrapaziert, oft gegen die Geschichte, um die es doch eigentlich geht. Manchmal Selbstzweck bleibt.

Immerhin: die Aufführung musste vom kleinen TAB (Theater auf der Bühne) ins sogenannte Große Haus verlegt werden. Eher selten, dass es zu viel Publikum gibt. Allein das ein toller Erfolg.



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